Yuri Herrera: Abgesang des Königs

knvmmdb-68.dllDer Sänger Lobo kommt aus armen Verhältnissen und schafft es an den prunkvollen Hof des Königs. Der König ist ein Mafia-Boss, der ein Gebiet im Norden Mexikos bis zur US-Grenze kontrolliert. Er gibt Audienzen für Bedürftige, feiert rauschende Feste für Geschäftsfreunde und regiert sonst mit harter Hand. Der Sänger verdiente bis dato in Kneipen sein Geld und hatte eine übersichtliche Lebensphilosophie: „Das Dasein ist Zeit und Unglück, mehr nicht. Und vielleicht die Wichtigste: Bloß weg von dem, der als nächster kotzen wird.“ Am Hof schreibt er Lieder, in denen er die Heldentaten und Geschichten des Königs und seiner Untergebenen besingt.

Solche Narcocorridos, jene Schunkellieder, in denen die Drogenbosse und ihre Taten besungen werden, sind in Mexiko sehr populär, wenngleich die Regierungspartei im Vorjahr einen Gesetzentwurf einbrachte, der ihre Verbreitung unter Strafe stellen sollte. Doch die CDs verkaufen sich prächtig. 2010 erschien in Mexiko die 13. Folge der auch hierzulande erhältlichen Reihe „Corridos prohibidos“, also verbotene Corridos. Die Sänger freilich leben gefährlich und geraten selbst immer wieder in die Schusslinie. Im Juni 2010 wurde mit Sergio Vega einer der prominentesten Vertreter dieses Genres auf der Straße in seinem roten Cadillac ermordet.

Soweit kommt es mit Herreras Sänger Lobo nicht. Auch wenn der König ihn nur als „Scheißspieldose“ sieht, unterschätzt er doch dessen Einfluss. Als Spion schickt er ihn zu seinem Widersacher. Der Sänger gibt sich als Überläufer, besingt den Kontrahenten und schmäht seinen König. Das Lied verbreitet sich rasch und wird zum Todesurteil für den König. Denn der Corrido, in dem einst die Helden der Revolution besungen wurden, ist, wie der mexikanische Autor in seinem Debüt schreibt, „kein Bild, das die Wand schmückt. Er ist ein Name und eine Waffe.“ Herrera abstrahiert stark und reduziert in ebenso poetischer, wie präziser Sprache aufs Wesentliche. Mit eindringlichen Bildern erzählt er gleichermaßen von der Macht der mexikanischen Kartelle, wie von jener der Kunst.

Yuri Herrera: Abgesang des Königs. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Fischer-Verlag, 142 Seiten, 14 Euro.

(c) Frank Rumpel

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