Malla Nunn: Lass die Toten ruhen

knvmmdb-54.dllEmmanuel reckte seinen verspannten Nacken und starrte auf die Stadt, die sich in funkelndem Weiß unter ihm ausbreitete. Friedlich und gesittet lagen die hübschen Häuser und die farbenfrohen Blumenbeete da. Doch aus Erfahrung wusste er, dass Anschein und Wirklichkeit oft nicht das Geringste miteinander zu tun hatten.

Die dunklen Ecken der südafrikanischen Gesellschaft der 50er Jahre wolle sie in ihren Kriminalromanen zeigen, sagte die in Südafrika geborene Autorin Malla Nunn in einem Interview. Nach ihrem überaus gelungenen Debüt „Ein guter Ort zu sterben“, liegt nun ihr zweiter Roman „Lass die Toten ruhen“ auf Deutsch vor.

Es ist das Jahr 1953. Hauptfigur ist auch diesmal Emmanuel Cooper, ein ehemaliger Soldat, der während des Zweiten Weltkriegs in den Reihen der südafrikanischen Armee gegen Nazi-Deutschland und seine Verbündeten gekämpft hatte, was ihn nachhaltig traumatisierte. Die Stimme seines damaligen Vorgesetzten nistete sich in seinem Kopf ein. Mit ihm muss er nach wie vor ständig diskutieren. Nach dem Krieg war er Detective bei der Kriminalpolizei in Johannesburg, wurde aber, weil er bei seinen Ermittlungen in einem Mordfall dem südafrikanischen Geheimdienst in die Quere kam, entlassen und als gemischtrassig eingestuft. Im Südafrika von 1953, wo seit fünf Jahren die National Party die Apartheidgesetze durchsetzt, bedeutet das gesellschaftliche Ausgrenzung. Bei einer Auseinandersetzung zwischen Cooper und seiner Vermieterin deutet die auf ein handgemaltes Schild an ihrem Haus:

Zutritt ausnahmslos für Europäer und anständige Mauritier. Bei „Anständige Mauritier“ handelte es sich um die Umschreibung für alle hellhäutigen Gemischtrassigen, die sich bereit fanden, die überhöhte Miete zu zahlen. Und davon Abstand nahmen, für ein Schäferstündchen Animiermädchen mit aufs Zimmer zu bringen.

Nach der Entlassung aus dem Polizeidienst folgt Cooper seinem strafversetzten Chef Van Niekerk von Johannesburg ins einige hundert Kilometer entfernte Durban. Am Hafen observiert Cooper für ihn korrupte Polizeibeamte. Als er dort die Leiche eines ermordeten Jungen findet und nahe bei ihm zwei indische Jugendliche, mischt er sich ein – ein Reflex aus alten Tagen, der ihm in diesem Fall nur Ärger einbringt. Wenig später nimmt die Polizei Cooper mit einem Messer in der Hand neben den Leichen seiner Vermieterin und deren Hausmädchen, als Hauptverdächtigen fest.

Von seiner Unschuld überzeugt, boxt ihn Van Niekerk zwar aus dem Gefängnis, doch muss Cooper innerhalb von 48 Stunden den wirklichen Mörder des Jungen finden, wenn er dem Prozess entgehen will. Cooper macht sich als Privatermittler auf die Suche und trifft dabei unter anderem auf indische und südafrikanische Mafiosi und kleine Ganoven, einen sterbenskranken, russischen Geheimdienstler und seine hochschwangere Frau, einen Zulu und einen jüdischen Arzt aus Deutschland. Dicht auf den Fersen sind ihm die Polizei und der Geheimdienst, weil er mit seinen Ermittlungen beiden in die Parade zu fahren droht.

Mit diesem Setting hätte die in Swasiland aufgewachsene Malla Nunn, die sich international bereits als Dokumentarfilmerin einen Namen machte, einen rasanten Thriller schreiben können, in dem der Held Cooper in der vorgegebenen Zeit alles richtet, und dann wieder an die Arbeit geht. Doch Nunn schickt einen Protagonisten ins Rennen, der mit einem Kriegstrauma zu kämpfen hat, der ein Kind gemischtrassiger Eltern ist, zutiefst mit dem Apartheids-System hadert und bei seinen Nachforschungen schon mangels polizeilicher Befugnisse ständig auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

Und genau daraus macht Malla Nunn, die im Südafrika ihrer Kindheit und Jugend selbst als gemischtrassig gebrandmarkt war und mit ihren Eltern in den 70er Jahren nach Australien auswanderte, eine packende Geschichte mit einem verschlungenen Kriminalfall. Ihre Figuren sind glaubhaft und klar konturiert. Als Leser ist man nahe bei Emmanuel Cooper, hat Teil an seiner kritischen Betrachtung der südafrikanischen Verhältnisse. Mit Blick für die scharfkantigen, gesellschaftspolitischen Details erzählt Malla Nunn auch in ihrem zweiten Roman zwar nicht ganz so dicht, wie in ihrem Debüt, aber immer noch weit über dem Durchschnitt so eindringlich und vielstimmig, wie nebenbei von jenen Jahren, in denen die Apartheid in Südafrika Fuß fasste.

Malla Nunn: Lass die Toten ruhen. Aus dem Englischen von Armin Gontermann. Rütten & Loening, 383 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.