Norbert Horst: Kaltes Land

Kaltes Land von Norbert Horst

Näher kommt man wohl nicht ran, an den schnöden Polizeialltag, als in Norbert Horsts Romanen. Seine Brötchen verdient der Autor als Kriminalkommissar, weiß also, über was er da schreibt, auch wenn er jahrelang nicht mehr selbst ermittelte, sondern Kollegen fortbildete und Pressearbeit machte. Wahrscheinlich kann er es gerade deshalb umso besser. Ein Insider also, der es schafft, den Anschein von Authentizität zu vermitteln und wieder mal eine packende, in Teilen durchaus realtitätstüchtige Geschichte erzählt, in der Flüchtlinge zur leichten Beute skrupelloser Menschenhändler werden.

Der karriereresistente Kommissar Thomas Adam, den alle nur Steiger nennen, und seine Kollegin und seine Kollegin Jana sind Teil eines Einsatztrupps der Dortmunder Polizei. In einem leerstehenden Haus liegt die Leiche eines jungen Flüchtlings, dem die Innereien herausgeschnitten wurden. Zweier Kokainpäckchen wegen vermuten die Polizisten, es mit einem Bodypacker zu tun zu haben, der abgepackte Drogen schluckte, um sie über irgendeine Grenze zu bringen. Von einem potentiellen Täter gibt es allenfalls einen halben Fingerabdruck. Das Problem: Der Mann ist zwar aktenkundig, aber selbst seit zwei Jahren tot. In Kroatien werden die Leichen zweier Flüchtlinge gefunden, denen Organe entnommen wurden. Einen hatten die Polizisten kurz zuvor zu einer Unterkunft gebracht. Ganz allmählich wird klar, dass da jemand gezielt junge, unbegleitete Flüchtlinge anspricht, bevor sie mit den Behörden in Kontakt kommen, ihnen Hilfe zusichert, gefälschte Pässe besorgt – und sie dann weitervermittelt, als Mulis, als Prostituierte, als Organspender wider Willen. Wer von den Behörden nicht registriert ist, so das Kalkül der Kriminellen, wird auch nicht vermisst. Parallel zu diesen Ermittlungen erzählt Horst von einem jungen afghanischen Paar und seinem mühsamen Weg nach Deutschland, der sie direkt in die Fänge der Menschenhändler führt.

Der 1956 geborene, in Ostwestfalen lebende Norbert Horst erzählt diese Geschichte in seinem dritten und bisher besten Steiger-Roman („Splitter im Auge“ und „Mädchenware“ hießen die Vorgänger) aus mehreren Perspektiven und zeitlich versetzt, puzzelt das sehr geschickt zusammen, lässt den Faden, den die Ermittler da zunächst in Händen halten, erstmal ganz dünn werden, so dass er ihnen beinahe entgleitet. Doch Norbert Horsts vom Leben gebeutelter, sensibel agierender Protagonist, der seine Abende gerne bei einigen Bieren im „Totenschädel“ ausklingen lässt und dem das Schicksal der jungen Flüchtlinge an die Nieren geht, beißt sich fest, folgt winzigsten Hinweisen, bis sich schließlich neue Zusammenhänge ergeben. Horst versteht es, spannend, auch mit Humor vom Räderwerk einer solchen Ermittlung zu erzählen. Dafür – und das ist freilich nicht neu, aber er macht das einfach gut – geht er nah ran, verwendet reichlich Polizeijargon, gibt immer mal wieder einen bizarr gestelzten Aktenwortlaut wieder, zeichnet die gewundenen Wege der Bürokratie, die Zwänge und ganz eigenen Dynamiken einer hierarchisch organisierten Truppe nach und lässt seinen eigenwilligen Protagonisten in diesem engen Korsett immer wieder kleine Freiräume finden, die er braucht, um auch mal gegen den Willen der Vorgesetzten, einer unwahrscheinlichen Spur zu folgen.

Man braucht also ein gewisses Interesse am Klein-Klein und muss dem Autor nachsehen, dass er seinen Berufsstand durch und durch positiv darstellt, stößt dann aber auf einen so gewieften, wie rasanten Polizeiroman, in dem Norbert Horst mit glaubhaft gezeichneten Figuren sehr präzise von einem Hier und Heute erzählt, in dem sich immer wieder neue Abgründe auftun.

Norbert Horst: Kaltes Land. Roman. München, 2017. Goldmann-Verlag, 400 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei Crimemag.

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