Ivy Pochoda: Diese Frauen

Tote Kolibris. Immer wieder liegen die winzigen Vögel auf der Türschwelle einer Imbissbudenbetreiberin namens Dorian. Sie nimmt das als eine etwas rätselhafte Warnung, weil sie in ihrem Laden jungen Prostituierten gerne ein Essen spendiert. Dieses Engagement scheint jemandem in der Nachbarschaft nicht zu passen. Deshalb geht Dorian schließlich zur Polizei und trifft dort eine Polizistin, die ihr tatsächlich zuhört. Das ist neu für sie. Vor fünfzehn Jahren hatte Dorian Alarm geschlagen, weil ihre Tochter eine von dreizehn Frauen war, die über die Jahre entlang der Western Avenue in Los Angeles umgebracht worden waren. Die Polizei indes sah keinen Grund, allzu viel Aufwand zu betreiben. Für die Behörden waren es nur Prostituierte. Und als die Morde plötzlich zwischenzeitlich aufhörten, erlahmte deren Interesse ganz. Doch die Polizistin, an die Dorian nun gerät, horcht auf und stellt als erste eine Verbindung her zwischen Dorians ermordeter Tochter und zwei Prostituierten, die gerade auf der Western Avenue getötet wurden. 

Esmeralda Perry heißt die Polizistin. Sie und Dorian sind zwei von sechs Frauen, deren Geschichten die in Los Angeles lebende Ivy Pochoda hier miteinander verflicht. Eine weitere ist die junge Prostituierte Juliana, die raus will aus dem Geschäft. Sie macht heimlich Alltagsfotos von ihren Kolleginnen und hofft, Kunst zu schaffen, um damit vielleicht in ein neues Leben starten zu können. Die raue Authentizität dieser Bilder ist es, die den Arbeiten ihrer ehemaligen Nachbarin, einer Künstlerin völlig fehlt. Sie beschäftigt sich in ihren Performances zwar intensiv mit der Gewalt gegen Frauen, doch gerät ihr alles viel zu abstrakt. Lose miteinander verbunden sind all diese Geschichten über die Mordserie.

Nun sind Serienkillerromane schwieriges Terrain, weil Motive und Erzählmuster schon allzu oft reproduziert und variiert wurden. Die 1977 geborene Ivy Pochoda, die professionelle Squashspielerin war, bevor sie den Schläger zum Glück gegen einen Computer tauschte, hat hier allerdings einen spannenden Ansatz abseits der Genreroutine gewählt. Sie konzentriert sich weder auf die Ermittlungen, noch auf den Killer, der da als gewiefter Krimineller Polizei und Gesellschaft herausfordert. Viel zu öde erschien ihr diese Erzählung, wie sie in einem Interview sagte. Beim Schreiben sei ihr klargeworden: Der Killer in ihrem Buch ist eben kein superschlauer Verbrecher, das sind sie eigentlich nie. Es ist einfach nur ein stinklangweiliger Typ mit einem dumpfen Hass auf Prostituierte. Also machte sie sich daran, ihn loszuwerden und ihm nur so viel Platz einzuräumen, wie unbedingt nötig ist. 

Pochoda richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Frauen, erzählt von Gewalt, Demütigung und Ignoranz in einer patriarchalen Gesellschaft, aber eben auch von Strategien, damit umzugehen. All diesen Frauen ist gemein, dass ihnen nicht zugehört wird, dass sie nicht mehr ernst genommen werden, sobald sie versuchen, aus ihren Rollen, ihren Zuschreibungen auszubrechen. Pochoda gibt ihnen eine starke Stimme, indem sie jeweils auch deren Umfeld mit viel Atmosphäre einfängt und so nicht zuletzt ein sehr lebendiges Bild von L.A. zeichnet.

Waren Pochodas bisher erschienene Großstadtromane „Visitation Street“ und „Wonder Valley“ gekonnt kleinteilig als Collagen erzählt und hatten dadurch etwas Leichtes, Flirrendes, ist der Ton hier deutlich ernster und – wütender. Pochoda hat etwas zu sagen, steigt tiefer ein, widmet ihren Figuren lange Kapitel, in denen sie Verbindungen deutlich macht, Beweggründe, Gemütslagen, aber eben immer auch größere gesellschaftliche Strukturen. Die Geschlechterverhältnisse sind ihr bei diesem Fokus etwas Schwarz-Weiß geraten, doch braucht Pochoda wohl genau diesen harten Kontrast, um ihre klug komponierte Geschichte auf den Punkt zu erzählen. 

Ivy Pochoda: Diese Frauen. Aus dem amerikanischen Englisch von Sigrun Arenz. 359 Seiten, Ars Vivendi-Verlag, 23 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2.

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