Hannelore Cayre: Reichtum verpflichtet

Es droht Krieg. Das schreckt die französischen Bürgerfamilien im Jahr 1870 auf, steht für manche Söhne doch die Einberufung zum Militär an. Wer es sich leisten kann, bezahlt einen Einstandsmann. Der versieht dann an Stelle des bürgerlichen Sprösslings den neunjährigen Militärdienst – mit allen Konsequenzen. Als durchaus redliche Alternative sieht das in Hannelore Cayres neuem Kriminalroman die gut betuchte Familie de Rigny. Nur deren Sohn Auguste, der eingezogen werden soll, verdammt die Praktik als modernen Menschenhandel. Dieser Auguste ist ohnehin etwas aus der Art geschlagen, interessiert sich kein bisschen für die Anhäufung von Vermögen. Stattdessen neigt er den neuartigen sozialistischen Ideen eines gewissen Karl Marx zu und macht nichts lieber, als in den Pariser Cafés darüber zu diskutieren.
Diesem Auguste de Rigny widmet sich Hannelore Cayre in den gut recherchierten historischen Kapiteln ihres Romans, in denen sie ein sehr lebendiges Bild der Jahre 1870/71 zeichnet – nicht von den Schlachtfeldern des Deutsch-Französischen Kriegs, wohl aber von den damaligen Lebensumständen. Nach verlorenen Schlachten führte die Besetzung von Paris durch die Preußen zu einer Hungersnot. 1871 rebellierte die Stadtbevölkerung und rief schließlich die Pariser Kommune aus, jene linke Gegenregierung, die in den nur 72 Tagen ihres Bestehens viele soziale Ideen umsetzte, dann aber von den französischen Regierungstruppen blutig niedergemetzelt wurde. Auguste war jeweils mitten drin und wurde nur dank der guten Beziehungen seiner Familie nicht wie viele seiner Kommunardenfreunde erschossen, sondern nach Neukaledonien verbannt, eine Inselgruppe im Pazifik.
Von diesen 150 Jahre zurückliegenden Ereignissen springt die Autorin immer wieder ins heutige Paris, wo ihre Protagonistin Daphne de Rigny lebt. Sie kämpft sich alleinerziehend und gehbehindert durch die Tage. Als sie durch Zufall über jenen vermögenden, ihr bisher unbekannten Familienzweig stolpert, beginnt sie nachzuforschen. Besonders die Geschichte ihres Urgroßvaters Auguste fesselt sie. Doch was sie sonst über ihre Familie zutage fördert, gefällt ihr gar nicht. Geld spielte stets eine zentrale Rolle. Das machte die Bezahlung eines Einstandsmannes möglich und half, Verwandtschaftsverhältnisse gerade zu rücken. Der Bruder ihres Urgroßvaters fuhr riesige Gewinne mit den neuen Aktiengesellschaften ein und frohlockte, endlich Geschäfte machen zu können, ohne für die Misserfolge gerade zu stehen. Diese zynische Haltung setzte sich auch in den folgenden Generationen fort. Einer etwa verdient an schmutzigen Ölgeschäften und lässt Giftmüll schon mal auf Deponien in der Elfenbeinküste verschwinden. Daphne entscheidet sich für eine radikale Lösung und räumt die in ihren Augen moralisch verkommene Verwandtschaft mit geschickten Winkelzügen aus dem Weg.
Die Autorin Hannelore Cayre arbeitet im Brotberuf als Strafverteidigerin und hat zuletzt den inzwischen mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle verfilmten, furiosen Roman „Die Alte“ veröffentlichte. „Reichtum verpflichtet“ ist nun eine Art mit exzentrischem Personal ausgestattete und sehr komische moderne Robin Hood-Groteske. Ganz pragmatisch geht ihre Hauptfigur vor, die findet, dass dem Kollaps des Planeten und einer dem 19. Jahrhundert nicht unähnlichen gesellschaftlichen Schieflage dringend Einhalt geboten werden müsse. Und was eignet sich dafür besser, als ein unlauter angehäuftes Familienvermögen, das ihr zudem vorenthalten worden wäre. Leichtfüßig kommt er daher, dieser Wink mit dem Zaunpfahl, mit dem Cayre auf zwei Themenfelder aufmerksam macht: Konzentration von Kapital in wenigen Händen und eine globale Wirtschaft, die auf die Lebensgrundlage von 8 Milliarden Menschen kaum Rücksicht nimmt. Das reicht ihr für einen märchenhaften Auftritt ihrer empörten, widerständigen Daphne. Ihrem etwas hilflos durch die Zeit irrlichternden Urgroßvater lässt sie ein wenig späte Gerechtigkeit widerfahren, indem sie ein paar seiner linken Ideen in die Tat umsetzt.

Hannelore Cayre: Reichtum verpflichtet. Aus dem Französischen von Iris Konopik. Argument-Verlag, 256 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.