Tanja Weber: Betongold

München und Geld, das schiebt sich in Gedanken fast schon von alleine zusammen. Die Mieten sind exorbitant, Immobilienpreise sowieso und der Boden, auf dem gebaut werden könnte, ein Spielplatz für Spekulanten. Und Tanja Webers Protagonist Josef Frey ist mit diesem goldenen Boden bestens vertraut. Denn der ehemalige Mordermittler leidet an Morbus Bechterew, einer rheumatischen Wirbelsäulenerkrankung. Er nennt sie nur „der Russe“, der ihn in eine gebückte Haltung zwingt und dem er mit Cannabis versucht, etwas Gewicht zu nehmen. Den Blick zu Boden gerichtet bewegt er sich also kreuz und quer durch München, um seinen alten Freund Martin Schanninger besser kennenzulernen. Denn der verdiente sein Geld als Immobilienhai, bevor er tot in einer Baugrube endete. 

Die beiden, der Sepp und der Schani, wie sie sich gegenseitig nannten, hatten ihre Jugend zusammen verbracht. Dritter im Bund war Matthias Hinterkammer, der Hias. Der betreibt in Giesing eine Eckkneipe, lange mit seiner haitianischen Frau Monique. „Monis Eck“ heißt die Kneipe, doch seit seine Frau gestorben ist, geht man nicht mehr zur, sondern zum Moni. Pragmatismus allenthalben. Seit der Sepp Cannabis raucht, heißt er nur noch Smokey. Und die drei scheinen bei weitem nicht so vertraut miteinander gewesen zu sein, wie es die Spitznamen nahelegen. 

Genau dieser über Jahrzehnte gewachsenen Freundschaft mit ihren oft verschlungenen, vernarbten, überwachsenen und wieder ausgebesserten Verbindungen widmet sich Tanja Weber in ihrem aktuellen Roman Betongold. Gleichzeitig erzählt sie damit von München, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten Stadtgesellschaft und der Umgang miteinander, ganze Viertel und Milieus wandelten, oder auch nicht. Von 1974 bis ins Pandemiejahr spannt sich ihre Geschichte, in der Weber am Beispiel Schanningers erzählt, wie man so als Gerüstbauer ins Immobiliengeschäft rutschen kann, wie die Deals größer, die Finanzierungen luftiger und die Bekannten seltsamer werden. Tanja Weber, die Drehbücher fürs Fernsehen und bereits etliche Kriminalromane, teils unter ihrem Pseudonym Judith Arendt schrieb, arbeitet mit kantigem Humor und hat sich hier für eine eingängige Erzählstimme entschieden, die an den Dialekt andockt, lakonisch und dazu sacht melancholisch ist. Diesen kumpelhaften Sound muss man mögen, aber er ist nunmal wie gemacht für diese Geschichte über ein paar von ihren Erinnerungen bedrängten Typen, die irgendwie in den 80ern stecken geblieben sind, während um sie herum die Stadt wucherte. 

Tanja Weber: Betongold. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 239 Seiten, 20 Euro. 

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.crimemag.de

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