Susanne Saygin: Crash

Crash von Susanne Saygin

Sympathische Menschen muss man woanders suchen. In Susanne Saygins Roman „Crash“ findet man sie nicht. Ausnahmslos alle jagen sie verbissen ihren Zielen hinterher, blenden dafür vieles aus, nehmen einiges in Kauf. 

Torsten Wolf zum Beispiel. Er ist Anwalt in einer großen Berliner Wirtschaftskanzlei. Den ganz großen Karrieresprung hat er dort allerdings nie gemacht, andere zogen an ihm vorbei. Wolf ist einer, der mit sich hadert und dessen Privatleben mit der Trennung von seiner Frau und den Kindern samt erdrückender Schulden auf Grund gelaufen ist. Ein Angebot seiner Kanzlei scheint ihm nun aber eine neue Perspektive zu eröffnen: Nach dem überraschenden Tod des Bau-Unternehmers Christof Nolden soll Wolf Beiratsvorsitzender des Nolden-Konzerns werden und die Weichen für die Zukunft stellen. Die Gesellschafter-Versammlung steht an und Wolf hat nur wenig Zeit, den vorgelegten Finanzbericht zu prüfen, gerät deshalb unter Druck, zumal er als chauvinistisches Alphatierchen seine Assistentinnen en gros vergrault.

Dann aber fängt mit der toughen Isa Kurzeck eine Assistentin bei ihm an, die sich mit dem Nolden-Konzern auskennt. Der war lange in kriminelle Machenschaften verwickelt. Das hatte Isa Kurzeck schon einmal mit hohem persönlichen Einsatz recherchiert, ihre Ergebnisse in einer Zeitschrift veröffentlicht. Das Unternehmen strauchelte zwar, machte aber weiter. Ihren Job als Assistentin nun will sie nutzen, kniet sich mit Wolf zusammen in die Bilanzprüfung und stößt auf massive Unstimmigkeiten. Anwalt Wolf muss sich entscheiden, ob er die Bilanzfälschung öffentlich machen oder sie, wie das offensichtlich in seiner Kanzlei bisher gehalten wurde, einfach durchwinken und die Prämie kassieren soll. Da hat sich die Autorin sicher auch vom Skandal um den Finanzdienstleister Wirecard inspirieren lassen. Um Gier geht es da, um Macht, aber eben auch um die ganz alltäglichen Arbeitshöllen, in denen der Burnout der Angestellten bereits eingepreist ist.

Das wiederum hat die Autorin in einen größeren Zusammenhang eingebettet, erzählt sie doch auch von der Gründung einer etwas schrillen rechtspopulistischen Bewegung, die wiederum eng mit dem Nolden-Konzern verbunden ist. Wochenlang tauchen in Berlin großformatige Plakate mit rätselhaften Botschaften auf, die sich schließlich als gewiefte Kampagne für eine Bewegung namens Besserland erweisen. Und die ist anschlussfähig an eine gebildete, kunstsinnige Mittelschicht. 

Die 1967 geborene, in Oxford promovierte Historikerin Susanne Saygin, die etliche Jahre auch in der freien Wirtschaft arbeitete, will ihren zweiten Roman als einen historischen verstanden wissen, weil er zeitlich vor der Pandemie verortet ist. Sie erzählt hier also nicht von radikalisierten Querdenkern, sondern bezieht sich, was das Vorgehen der Rechtspopulisten anbelangt, eher auf internationale Beispiele, wie etwa den Aufstieg der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien. Um ihre Themen griffiger zu machen, überzeichnet Saygin immer wieder ins Groteske, hält jedoch spielend die Balance, indem sie etwa sehr präzise beobachtete Straßenszenen aus Berlin dagegensetzt, Szenen, die allesamt von einer kalten, abweisenden Lebensrealität erzählen.

„Crash“ ist der zweite Teil einer Trilogie, doch funktioniert er auch als eigenständiger Roman und ist ohne Kenntnis des ersten Bandes zu verstehen. „Feinde“ hieß Saygins Debüt, für das sie fünf Jahre lang recherchierte. Auch hier stand der fiktive Nolden-Konzern im Zentrum. Es ging um Menschenhandel, Korruption im Baugewerbe, Verbindungen ins rechte Milieu. Im aktuellen Roman nun konzentriert sie sich auf die Machenschaften einer skrupellos agierenden Wirtschaftskanzlei. Polizeiliche Behörden oder Ermittler kommen in diesem fulminanten, hie und da auch etwas über die Stränge schlagenden Thriller übrigens nicht vor. Die braucht es auch gar nicht, erzählt Susanne Saygin doch zugespitzt von viel grundlegenderen Problemen: von einer an vielen Stellen sichtbaren Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts, bester Nährboden für die Metastasen des Rechtspopulismus. 

Susanne Saygin: Crash. Heyne-Verlag, 415 Seiten, 12,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2

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