Mick Herron: Spook Street

Mick Herrons Serie um eine Gruppe abgehalfterter, englischer Spione bleibt interessant, weil sie unberechenbar genug ist. „Slow Horses“ werden bei ihm jene Agenten genannt, die einen Auftrag in den Sand gesetzt, Schwierigkeiten mit der Hierarchie oder persönliche Probleme hatten und deshalb ausgemustert wurden. Ihren Dienst, meist so aufwändige, wie sinnlose Recherchen, versehen sie in einem heruntergekommenen Gebäude an einer verkehrsreichen Londoner Ecke, dem Slough House, eine Art „administrative Besenkammer des Geheimdienstes“. Alle Slow Horses haben mit Selbstzweifeln zu kämpfen, hoffen aber unverzagt auf eine Gelegenheit, sich beweisen zu können, um so vielleicht wieder in den regulären Dienst zurück zu finden.

Diesmal explodiert in einem Londoner Einkaufszentrum eine Bombe und über verschlungene Wege bekommen auch die Slow Horses damit zu tun. Denn einer von ihnen namens River Cartwright ist der Sohn des ehemaligen MI5-Vize. Der ist inzwischen dement und für den Dienst ein Sicherheitsrisiko. Aber ganz so hinüber ist er noch nicht, als dass er einen Killer nicht erkennt, wenn er vor ihm steht – auch wenn er in diesem Fall aussieht, wie sein eigener Sohn. Doch der Alte ist sich sicher und erschießt den Mann. Als River dazu kommt, wittert er seine Chance und folgt einer Spur nach Frankreich, um herauszufinden, wer hinter dem Angriff steckt. Und bei dieser Gelegenheit wirbelt er so viel Staub auf, dass sie noch in der obersten Geheimdienstetage husten müssen. 

Mick Herron zeigt sich auch im vierten Band der Reihe als gewiefter Erzähler. Schön verschachtelt ist seine Geschichte um Terrorismus, alte Rechnungen und die Frage, welche Rolle eigentlich der Geheimdienst dabei gespielt haben könnte. Schwer abzusehen sind die Untiefen seiner Figuren, allen voran jene des herrlich monströsen Slough House-Kopfs Jackson Lamb. Er selbst, aber auch jeder und jede seiner Slow Horses trägt reichlich Ballast mit sich herum. In diesem Band etwa stößt ein schweigsamer Neuer zu den Slow Horses, die ihn zunächst als „ein in ein Geheimnis gehülltes Enigma in der Verpackung eines mürrischen, unkommunikativen Trottels“ sehen – was sich im Laufe der Geschichte ändert. Derweil versuchen sie, am Ball zu bleiben, zusammen zu arbeiten, während die munter intrigiernden Verantwortlichen in der Zentrale des MI5 vor allem eines wollen: persönlich möglichst unbeschadet aus dem ganzen Schlamassel kommen. 

Mick Herron: Spook Street (Original: Spook Street, 2017). Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes-Verlag, Zürich 2021. 456 Seiten, 18 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.crimemag.de

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