Heinrich Steinfest: Die Möbel des Teufels

Ein Inselleben führte Heinrich Steinfests Protagonist Leo Prager über 40 Jahre lang, ein Gestrandeter, der sich mit den Verhältnissen arrangiert hatte. Die freilich waren nicht allzu übel: eine abgelegene private Karibikinsel war es, auf die das Meer den Schiffbrüchigen seinerzeit zufällig schwemmte. Und dort blieb er, bis er nun, mit 61, zurück nach Wien musste. Seine Schwester wurde ermordet, er soll sie identifizieren und ist damit zurück in jener Stadt, die er seinerzeit als Jugendlicher überstürzt verlassen hatte. „Er hatte dieses Land gewissermaßen in der Bronzezeit verlassen und war nun in der Zukunft gelandet, auch wenn diese Zukunft immer noch etwas Bronzezeitliches besaß – und das nennt man dann wohl Tradition.“
Seine Schwester war Stenographin, arbeitete unter anderem für einen obskuren Unternehmer. Aber auch das ist nur eine vage Spur. Weil die Polizei nicht richtig vorankommt, engagiert Leo Prager auf Seite 174 eine Privatdetektei, die von der stilsicheren Frau Wolf geleitet wird. Sie war zunächst die Sekretärin des einarmigen, in bisher fünf Romanen als Detektiv arbeitenden Markus Cheng, doch hatten die beiden zuletzt beschlossen, die Plätze zu tauschen. Fast ebenso wie die Aufklärung des Mordes aber interessiert Prager eine persönliche Angelegenheit. Im Bücherregal seiner Schwester fand er ein 1970 erschienenes Buch (das übrigens den Titel „Die Möbel des Teufels“ trägt), in dem Ereignisse vorweg genommen werden, die sich erst 1976 zutragen sollten. Am 1. August stürzte die Wiener Reichsbrücke ein und Leo Prager war vor Ort. Er filmte zufällig den Einsturz, ließ den Film aber nie entwickeln. Denn er meinte, durch das Objektiv etwas gesehen zu haben, was in den Nachrichten danach nicht erwähnt wurde. Seine Beobachtung, fürchtete er, könnte am Ende womöglich Realität schaffen. „Eine Idee, die er schon lange mit sich trug.“
Es ist dieser Punkt, der auch in Heinrich Steinfests neuem Roman eine zentrale Rolle spielt, ein Gedanke, der sich in der Realität spiegelt, sie hie und da womöglich etwas weitet, sie aber viel häufiger verdeckt. Das liefert dem aus Wien stammenden Stuttgarter Autor Gelegenheit, wunderbare Bögen zu schlagen, auszuholen und weit abgelegene Themen zusammen zu spannen, einprägsame Bilder zu entwerfen, also Geschichten zu erzählen, die sonst womöglich etwas überdreht oder bemüht wirken würden. Steinfests Geschichten aber wurzeln im Alltag (hier bereits im Pandemie-Alltag), fußen auf genauer Beobachtung, die er gerne weiterspinnt, neu verbindet und so dem noch so Abgefahrenen Tiefe gibt. Und dafür ist ihm jedes Thema recht, hier ist unter anderem einiges über die hellsichtige Wirkung von Qi Gong zu lesen, über das stilvolle, disziplinierte Rauchen, über den künstlichen Wert von Kunst und deren Fälschung sowie das nur allzu oft verquere Miteinander. Hineingestrickt hat er einen Kriminalfall, eine Ermittlung, die einige Haken schlägt, deren Beifang jedoch reichhaltiger und interessanter als die Auflösung ist, was bei einem Meister der gehaltvollen Abschweifung nicht weiter wundert. Wie selbstverständlich er da etwa Frau Wolf zur Ermittlerin macht, ihr Profil und Autorität gibt und seine Serienfigur Cheng in den Hintergrund treten lässt, ist schon sehr lässig, wie er diese Geschichte zusammen schnürt und zum leuchten bringt, eine Klasse für sich.

Heinrich Steinfest: Die Möbel des Teufels. Frau Wolf und Cheng ermitteln. Roman. Piper-Verlag, 432 Seiten, 16 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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