Castle Freeman: Herren der Lage

Die Ruhe täuscht meist. Besonders gilt das für Cardiff, einem Ort im ländlichen Vermont an der US-Ostküste, wo Sheriff Lucian Wing versucht, für Ordnung zu sorgen. Diesmal bekommt er Besuch von einem Anwalt aus der Stadt, der behauptet, im Auftrag seines einflussreichen Arbeitgebers dessen jugendliche Tochter zu suchen, die zusammen mit einem Jungen aus einem Internat ausgebüxt sei und sich in der Gegend verstecke. Wing soll sie suchen, spürt die beiden auch tatsächlich in einem Waldstück auf, beschließt dann aber, sie lieber dort zu lassen, weil er dem Anwalt nicht über den Weg traut. Allerdings finden auch dessen Männer fürs Grobe das Lager. Die jungen Leute können fliehen, Wing bringt sie in einem ausrangierten Motelzimmer unter. Die Jungs des Anwalts finden auch dieses Versteck und zerlegen es. An einem weiteren kommt es zu einer Schießerei. So richtig im Griff hat die Lage hier niemand.
Freemans Protagonist gibt den Hinterwäldler in Vollendung, lässt sich alles gern haarklein erklären, walzt das Offensichtliche nochmals breit aus, was immer wieder zu wunderbar weitschweifigen und doch fein geschliffenen Dialogen führt. Denn dieser Lucian Wing ist als Sheriff gewählt, muss es irgendwie allen recht machen, sich um alle Kleinigkeiten im Tal kümmern und darf dabei das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Es ist ein Balanceakt und seine Strategie ist es, Ruhe zu bewahren, abzuwarten, Dinge auch mal laufen zu lassen und sich naiver zu geben, als er ist, gerade gegenüber Städtern, die meinen, in der Provinz sei einfach alles provinziell. Denn Lucian Wing kennt die Menschen, weiß „dass die Motive für das, was die Leute so tun, meist ziemlich offensichtlich sind. Normalerweise nehmen sie den kürzesten Weg, besonders wenn sie was Verbotenes vorhaben“.
Es ist der vierte Roman um den etwas aus der Zeit gefallenen Sheriff, den der 76-jährige Castle Freeman da mit lakonischem Witz in Szene setzt und dabei im luftigen Plauderton Geschichten erzählt, die so gar nicht ins ländliche Vermont passen wollen. Denn hier geht es um handfeste Auseinandersetzungen, um Entführung, Erpressung, Korruption. Allerdings hat dieser Roman nicht ganz die feinnervige Verspieltheit und die Fülle etwa des vorangegangenen Romans „Der Klügere lädt nach“. Die Geschichte bleibt etwas schlicht, so dass die gelegentlich enervierend umständliche Art des Erzählens ihr hier eher im Weg steht.

Castle Freeman: Herren der Lage. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Roman. (Original: Children of the Valley. Richmond, 2020). 183 Seiten, Hanser-Verlag, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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