Kate Atkinson: Weiter Himmel

Es ist der fünfte Auftritt von Kate Atkinsons schwer gebeuteltem Privatdetektiv Jackson Brodie, der sich inzwischen an der nordenglischen Küste auf Unspektakuläres konzentriert – untreue Ehemänner, Kleinkram für einen Anwalt – und derweil versucht mit sich, seinem pubertierenden Sohn und seiner Ex klarzukommen. Über einen harmlosen Auftrag stolpert er dann doch in heftige Untiefen. Derweil ermitteln zwei kalt gestellte Polizistinnen in einem alten Fall, in dem es um Kindesmissbrauch ging, stoßen auf Ungereimtheiten, eine neue Zeugin, Hinweise, denen sie nachgehen und die sie schließlich auf dieselbe Spur führen, auf der auch Brodie unterwegs ist. Die Polizei kümmert sich indes um einen Mordfall und nähert sich von dieser Seite jener Gruppe von Geschäftsmännern, die da zusammen Golfen gehen, Jobs und Familie haben, ihr Geld aber mit modernem Sklavenhandel machen, ein florierender Nebenerwerb, bei dem sie junge Frauen mit falschen Versprechungen ins Land locken, drogenabhängig machen und weiter in die Prostitution verkaufen . 

Die 1951 geborene Kate Atkinson nimmt in Weiter Himmel zunächst einen langen Anlauf, reiht ihr eindrucksvolles Personal auf, seziert die Verhältnisse, widmet sich ein paar alltäglichen Widrigkeiten und Dramen, bevor diese Geschichte mit ihren zahlreichen Strängen Fahrt aufnimmt. Besonders stark sind ihre Frauenfiguren, die angesichts der Verhältnisse versuchen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Allen voran Crystal, die ihre Vergangenheit nur zu gerne vergessen würde. Deshalb hat sie „sich nach oben gekrallt, Hand um Hand“, hat geheiratet, einen Sohn bekommen, für den sie alles tun würde. Alles andere hingegen sieht sie ganz pragmatisch als Sicherung ihrer Ansprüche in einem Umfeld, in dem Männer scheinbar unbehelligt die Welt nach ihren Regeln gestalten können.  

Das ist großartig geplottet, weil Atkinson die Erzählfäden zunächst locker hält, sie erst allmählich miteinander verknüpft. Ihre Figuren stolpern da über etwas, das sich in einem anderen Zusammenhang plötzlich zu einem Bild, oder zumindest zu einem Teil des Bildes fügt. Dadurch entsteht eine wilde Dynamik, die Atkinson gekonnt und intelligent bündelt. Denn sie hält einerseits stets angenehm Distanz und erzählt doch nah am Leben, und zwar wunderbar pointiert, grundiert mit diesem extrem trockenen Humor, der ihren Themen nichts von ihrer Vehemenz nimmt. Ganz im Gegenteil.  

Kate Atkinson: Weiter Himmel (Big Sky, 2019). Aus dem Englischen von Anette Grube. Dumont Verlag, Köln 2021. 478 Seiten, 24 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen auf www.culturmag.de

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