Johannes Anyuru: Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken

Ein Trio junger Schweden überfällt einen Comicladen im Zentrum Göteborgs. Ihr Ziel: Ein Autor von Mohammed-Karrikaturen und sein Publikum. Die drei sind schwer bewaffnet, haben selbst gebastelte Fahnen des „Islamischen Staats“ dabei. Allerdings läuft nichts nach Plan: Einer der Attentäter wird von der Polizei erschossen, der zweite von seiner Freundin, die die ganze Aktion filmen sollte. 

Sie wird nach dem Überfall in ein jordanisches, guantanamoartiges Lager für islamistische Terroristen gesteckt, meint danach, aus der Zukunft zu kommen und landet in der Psychiatrie. Dort verfasst sie einen Roman, in dem sie eine Zukunftsvision beschreibt: Wer keinen Mitbürgervertrag unterschreibt, wird zum Schwedenfeind erklärt und in einer Hochhaussiedlung interniert, die voll ist mit Muslimen. Den Text schickt sie einem Schriftsteller, der, selbst Muslim, die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt. Er macht sich auf die Suche nach Zeugen des Anschlags, nach Angehörigen der Attentäter. Dabei ist er selbst Opfer der Verhältnisse. Denn mit dem Film, den die junge Frau im Laden drehte und der sich rasch verbreitete, kippte auch die Stimmung gegen Muslime im Land. Er will mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter deshalb nach Kanada auswandern. 

Der Film aus dem Laden markiert aber auch den Punkt, an dem Erinnerung in eine Fiktion umschlägt, die Zeit nicht mehr linear in eine Richtung, sondern sprunghaft vor und zurück verläuft. Was wäre, fragt er, wenn man in der Zeit zurückreisen und etwas verhindern könnte. 

Der 1979 geborene Johannes Anyuru hatte bereits in seinem 2016 erschienenen Romandebüt „Ein Sturm wehte vom Paradiese her“ die Geschichte seines Vaters erzählt, eines ugandischen Kampfpiloten, der in den 1970er Jahren nach langer Odyssee nach Schweden gelangt war, mit einer Schwedin eine Familie gegründet hatte und dennoch nie richtig ankam. Diesmal stellt er in Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken die Frage, welche Rolle Religion dabei spielt, ob und wie man als Muslim in der schwedischen Gesellschaft leben kann, wie weit man tatsächlich als Schwede und Schwedin wahr- und ernstgenommen wird. Anyuru macht daraus eine leise, eindringliche und gekonnt in sich gedrehte Geschichte. Immerhin: Sein ausreisewilliger Protagonist und dessen Frau entscheiden schließlich, in Schweden zu bleiben. Sie sehen da wohl durchaus eine Perspektive.

Johannes Anyuru: Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken (De kommer att drunkna i sina mödrars tårar, 2017). Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Luchterhand-Verlag, München 2021. 334 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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