Dominique Manotti: Marseille.73

Die Stimmung ist explosiv im Marseille von 1973. Rechte Gruppierungen machen mobil, fordern auf Plakaten: „Stoppt die wilde Einwanderung“. Anlass ist das Attentat eines psychisch kranken Algeriers auf einen Busfahrer. Und es bleibt nicht bei bloßen Aufrufen. Allein im Sommer und Herbst 1973 werden in Marseille – und das ist der tatsächliche Hintergrund zu Dominique Manottis exzellentem Kriminalroman – 15 algerisch-stämmige Männer ermordet, in ganz Frankreich sind es fast 50. 

Einer davon – und damit sind wir in Manottis Fiktion – ist ein 16-jähriger, der vor einem Café erschossen wird. Die Polizei agiert zunächst halbherzig, wohl mit dem Ziel, die Ermittlungen zu verschleppen. Das misslingt allerdings, weil es innerhalb der Polizei erbitterte Rivalität und stetes Kompetenzgerangel zwischen mehreren Abteilungen gibt. So kommt es, dass im Nachhinein die Kriminalpolizei unter Leitung von Commissaire Théo Daquin auf die Unzulänglichkeit der ersten Morduntersuchung aufmerksam wird – und plötzlich zählen gar einige Polizisten zum Kreis der Verdächtigen. Commissaire Daquin, den Manotti bereits im Roman „Schwarzes Gold“ mit einem schwierigen Fall betraute, macht sich damit unter den Kollegen nicht nur Freunde – was dem skeptischen und zielstrebigen Außenseiter auch nichts mehr ausmacht, fühlt er sich im provinziellen Marseille ohnehin nicht wohl. 

Parallel ist Daquin und sein Team einer Gruppe französischer Algerienheimkehrer auf der Spur, die Überfälle begeht und den Aufbau eines militärischen Trainingscamps plant. Auch das hat sich Manotti nicht ausgedacht. Pieds-Noirs, Schwarzfüße, wurden solche Rückkehrer genannt. Es waren französisch-stämmige Familien, die nach dem Ende des Krieges und der Unabhängigkeit Algeriens 1962, von dort nach Frankreich übersiedelten. Allerdings fühlten sie sich von den Franzosen oft nicht wirklich akzeptiert und sahen sich zudem in Konkurrenz zu maghrebinischen Arbeitern, die ebenfalls ihr Glück in Frankreich suchten. Die Pieds-Noirs waren gut organisiert, viele von ihnen im Polizeidienst und in Abgrenzung zu den Algeriern durchaus für rechtes Gedankengut empfänglich. Für sie, das konstatiert auch ein Polizist in Manottis Roman, war der Algerienkrieg 1973 noch längst nicht zu Ende. 

Der Mord an dem Jugendlichen mobilisiert auch die algerischen Arbeiter in der Stadt. Sie organisieren einen Trauermarsch und landesweite Streiks. Unterstützt werden sie von Gewerkschaften und Hilfsorganisationen. Ein junger Anwalt vertritt die Familie des Opfers. Er will der Justiz Dampf machen. Denn die will in dem Mord kein rassistisches Verbrechen, sondern lediglich eine Abrechnung im Milieu sehen. Einige Zeitungen heizen die Stimmung gegen die algerische Minderheit zusätzlich an, indem sie rechte Pamphlete und tendenziöse Berichte veröffentlichen.

Es ist also eine unübersichtliche Gemengelage, der sich die 78-jährige Dominique Manotti hier souverän annimmt. Dafür geht sie die Geschichte von mehreren Seiten an, spitzt sie gekonnt zu, erzählt aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und Milieus heraus. Einige kennt sie aus eigener Erfahrung. So war die bekennende Linke jahrelang selbst aktive Gewerkschafterin, weiß um die Dynamik und Mechanismen verschiedenster Aktionsformen. Der Rest ist gut recherchiert. In ihrem Kriminalroman geht es der promovierten Historikerin Manotti dabei freilich nicht nur um die schnöde Aufklärung eines Mordes. Viel mehr ist sie an den politischen und gesellschaftlichen Strukturen und Stimmungen jener Zeit interessiert. Sie will wissen, wie es zu einer solch gefährlichen Situation kommen, wie der radikale Nationalismus so offen und tödlich aufbrechen konnte und welche Organisationen und Seilschaften sich das zunutze machten – denn die Übergriffe hörten nach 1973 ja nicht auf. Einfache Antworten gibt es darauf nicht und so legt Manotti lebensnah und nachvollziehbar dieses komplizierte, historische Puzzle aus, sprachlich kühl, knapp, rasant, immer auf den Punkt. „Marseille.73“ ist ein Kriminalroman auf der Höhe der Zeit, vielstimmig, komplex, politisch und, was Rechtsextremismus und Rassismus angeht, leider aktuell. 

Dominique Manotti: Marseille.73. Aus dem Französischen von Iris Konopik. Argument-Verlag, 397 Seiten, 23 Euro. 

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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