Colin Niel: Nur die Tiere

Winter im französischen Zentralmassiv. Ungemütliches Wetter in einer rauen Gegend. Eine Frau verschwindet, Évelyne Ducat heißt sie. Ihr Auto wird gefunden, von ihr selbst aber fehlt jede Spur. Die weiträumige Suche der Polizei läuft ins Leere, doch spielt die in Colin Niels kunstvoll geplottetem Kriminalroman ohnehin nur eine randständige Rolle. Sie taucht meist nur im Hintergrund auf. Vielmehr rückt in Niels Roman allmählich die Frage ins Zentrum, was hierüberhaupt passiert sein könnte. 

Um das zu beantworten, lässt der 1976 geborene, französische Autor nacheinander fünf Menschen ausführlich zu Wort kommen. Sie alle waren Teil der Ereignisse und schildern nun ihre Sicht der Dinge. Da ist zunächst die Sozialarbeiterin Alice, die unglücklich mit einem Rinderzüchter verheiratet ist. Sie fährt über den Causse, die karge Hochfläche des Zentralmassivs, schaut bei den oft abgeschieden liegenden Höfen der Schafzüchter und Landwirte vorbei, leistet ihnen etwas Gesellschaft und hilft ihnen beim Papierkram. Eines Tages geht sie ein Verhältnis mit dem alleinstehenden Schafzüchter Joseph ein, drängt sich ihm förmlich auf. Alle zwei Wochen fährt sie zu ihm und hofft, dass ihr Geheimnis gewahrt bleibt. Doch kurz nach dem Verschwinden von Évelyne Ducat, einer Frau, die in die reichste Familie der Gegend eingeheiratet hat, wird Joseph seltsam. Er will Alice nicht mehr sehen und schon gar nicht auf seinem Hof haben. Er scheucht sie aus der Scheune und ihr dämmert, dass er etwas mit Ducats Verschwinden zu tun haben könnte.

Den Ball gibt der Autor Colin Niel im folgenden Kapitel an Joseph weiter. Der hat tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der Frau zu tun, allerdings auf eine völlig andere Art, als gedacht. Und mit jedem weiteren Erzähler, jeder weiteren Erzählerin, etwa der jungen Maribé, die weder ihre Gefühle, noch ihr Leben im Griff hat, nimmt die Geschichte eine komplett neue, überraschende Richtung. 

Colin Niel taucht dabei jeweils in ganz eigene Universen ein und vernetzt sie lose über einzelne Figuren. Er ist ein gewiefter Erzähler, der sich was traut und seine Geschichte gleichermaßen mit rustikalem Humor und sachter Schwermut geimpft hat. Dabei ist Niel kein Zyniker, sondern ein zugewandter Autor mit genauem Blick für Alltägliches, das er gleich aus mehreren Blickwinkeln schildert. So erkundet er auf kleinem Raum verschiedenste Lebenswelten und Milieus, erzählt unter anderem vom kargen Leben der Viehzüchter, die auch mit großen Herden gerade so über die Runden kommen. Sie kämpfen mit Bürokratie und Einsamkeit und sehen, wie immer mehr Häuser in ihrer Umgebung zu Feriendomizilen werden. Und auch das Sozialgefüge auf der Hochebene ändert sich. Junge, zugezogene Leute organisieren sich in einem Kollektiv, bringen neue Ideen und etwas Schwung in die Gegend. 

In seiner Heimat ist der in Marseille lebende Colin Niel ein vielfach ausgezeichneter Autor von Kriminalromanen. Bekannt wurde er dort mit einer Serie, die in französisch-Guyana spielt, wo der studierte Ökologe einige Jahre lebte. Der nun vorliegende, in Frankreich mit neun Preisen bedachte Roman ist der erste auf Deutsch und den hat die Übersetzerin Anne Thomas in seiner ganzen Vielstimmigkeit gekonnt übertragen. Die Verfilmung von Dominik Moll soll hierzulande im Juli in die Kinos kommen – so sie denn öffnen. Und man darf gespannt sein, wie er diese komplexe Geschichte überträgt. 

Denn Niel erzählt schlank, tritt seine Geschichten nicht breit, verrät aber jeweils so viel, dass das Handeln seiner pointiert angelegten Figuren, deren Antrieb und Ängste sichtbar und plausibel werden. Dabei ist hier nichts, wie es auf den ersten Blick scheint. Treibende Kraft ist die verzweifelte, skurrile Blüten treibende Suche nach Zuneigung und Bestätigung. Und mit jedem neuen Anlauf, mit jeder neuen Perspektive weitet sich der Blick in dieser vitalen, wild mäandernden Erzählung – und fügt sich gleichzeitig zu einem nach allen Seiten ausgreifenden Bild zusammen.

Colin Niel: Nur die Tiere. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos-Verlag, 286 Seiten, 22 Euro. 

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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