Stephen Greenall: Winter Traffic

Stephen Greenall macht es einem nicht unbedingt leicht. Sein Roman ist erstmal spröde und anstrengend, wirkt sprachlich gelegentlich etwas manieriert. Es dauert, bis sich das anfängliche Dickicht lichtet, bis sich aus den Dialogfetzen und kurzen Szenen herausschält, wer da wohin gehört und wer mit wem verbandelt ist, zumal Greenalls Protagonist, der abgehalfterte Sergeant Mick Rawson, ein Mann mit vielen Namen ist und der Autor einem da kein Stück entgegen kommt. Stattdessen legt er in einer unglaublich vitalen Erzählung, in der Geschichten und Figuren auf- und wieder abtauchen, sich kreuzen oder parallel laufen, Spuren aus, anhand derer man sich die Verbindungen zusammenpuzzeln muss.

„Zeit. Ist sie körnig oder kontinuierlich?“, fragt Rawsons zugekokster Kollege. Sie ist wohl, schaut man auf Greenalls Roman der rückwärts nummerierten Kapitel, beides und noch einiges mehr: Sprunghaft, mit mehreren Geschwindigkeiten ausgestattet und in der Lage, die Richtung zu ändern, um ein Detail nachzuschieben, etwas Vorgeschichte einzubauen in dieser Erzählung über einen korrupten, drogenabhängigen, spielsüchtigen Polizisten mit stattlichen Schulden und Kontakten in die Unterwelt, einer, der Polizeiarbeit nach eigenen Regeln erledigt. Doch Rawson droht endgültig von der Vergangenheit überrollt zu werden und will deshalb mit einem Coup aussteigen. Seine ehrgeizige Kollegin Karen Millar ist ihm auf den Fersen, vor allem aber hat jemand seine Schulden gekauft, Leute, „die mehr Einfluss haben, als die Brandung aufs Ufer“, wie der langjährige Buchhalter seines Vertrauens es formuliert.

Was zu Beginn etwas Mühe kostet, also sich die Geschichte aus zahlreichen Erzählsplittern zusammen zu schieben, zu sehen, wie sie angelegt und gearbeitet ist, macht zunehmend Spaß, zumal die Szenen selbst alles andere als spröde sind, sondern zupackend, bissig, lakonisch und anspielungsreich. Greenall erzählt in Winter Traffic eine komplexe Geschichte komplex – und virtuos dazu, ein Roman, auf dessen Fortsetzung man gespannt sein darf.

Stephen Greenall: Winter Traffic (2017). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp Verlag, Edition Thomas Wörtche, Berlin 2020. 493 Seiten, 16,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei crimemag

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