Roberto Andò: Ciros Versteck

Bloß nicht die Wege kreuzen mit den Mafiosi im neapolitanischen Viertel Forcella. Bislang gelang das dem Klavierlehrer Gabriele Santoro ganz gut, lebte er doch zurückgezogen, sein Leben kreiste um Poesie und Musik. Bis sich der zehnjährige Ciro aus der Nachbarschaft bei ihm versteckt. Er und sein Kumpel, rückt der mit der Zeit heraus, hätten in einer Gasse eine Frau überfallen, wollten ihre Handtasche. Die Frau stürzte, schlug mit dem Kopf auf, kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Pech nur, dass es sich um die Mutter eines Camorra-Bosses handelte, zudem „eine alte Hexe, die die kriminellen Machenschaften von halb Neapel verwaltete“. Sein Kompagnon ist verschwunden, er nun beim Professor untergetaucht. Die Mafiosi haben einen Verdacht, überwachen den Hauseingang. Die Lage wird brenzlig, als die Frau im Krankenhaus stirbt.

Roberto Andò ist ein leiser, genauer Erzähler. Sein Augenmerk gilt in diesem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman einerseits der schwierigen Beziehung der beiden ungleichen Protagonisten. Der Musiker entwickelt väterliche Gefühle für den Jungen, beschließt, ihn zu beschützen, auch wenn er sich damit selbst in Gefahr bringt und sein ruhiges Leben damit völlig aus der Bahn zu kippen droht. Schließlich weiß er sehr genau, mit wem er sich da anlegt. Der mit Straßenkriminalität, harschen Hierarchien und Armut vertraute Junge wiederum muss erst begreifen, dass er sich beim Schöngeist Santoro in eine völlig andere Welt fügen muss, wenn er denn überleben will. Santoro sperrt den Jungen in seiner Wohnung ein, kommt sich dabei vor, wie ein Gefängniswärter. Gleichzeitig ist er selbst ein Gefangener der Verhältnisse, mit Freigang zwar, wohl aber unter Beobachtung.

Der 1959 in Sizilien geborene Andò wurde zunächst als Regisseur bekannt, lernte in jungen Jahren als Assistent unter anderem von Fellini und Coppola, soll später dann von Leonardo Sciascia zum Schreiben angeregt worden sein (eine beachtlich Riege an Lehrmeistern). In seinem Roman Ciros Versteck, den er gerade selbst verfilmt, erzählt er mit Leichtigkeit von dramatischen Zuständen. Er blickt auf kriminelle Strukturen, die tief in die Gesellschaft eingesickert sind. Das haben vor ihm schon andere getan, doch bricht Andó das gekonnt zu einer Art Kammerspiel herunter. Im Haus sind viele irgendwie mit der Camorra verbandelt. Entsprechend beschwert sich niemand über die am Eingang lungernden Mafiosi. Keiner der beiden Jungen wird als vermisst gemeldet. Die Lage spitzt sich mit jedem Tag mehr zu. Und Andó zwingt seinen Protagonisten, der sich sonst eher treiben lässt, eine klare Entscheidung zu treffen.

Roberto Andò: Ciros Versteck ( Il bambino nascosto, 2020). Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Folio-Verlag, Bozen 2021. 231 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei Crimemag

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