Peter Terrin: Blanko

Der flämische Autor Peter Terrin ist Spezialist für klaustrophische Szenarien, beklemmende, extrem ungemütliche Kammerspiele. In seinem im Original bereits 2003 erschienenen Roman Blanko wird das Leben von Viktor kräftig durchgeschüttelt, als seine Frau bei einem brutalen Überfall ums Leben kommt. Er muss nicht nur mit dem Verlust klarkommen, sondern sich auch alleine um den gemeinsamen zehnjährigen Sohn Igor kümmern. Und das gerät rasch ziemlich außer Kontrolle.

Das wirkt zunächst noch harmlos. Er bringt ihn mit dem Taxi zur Schule und holt ihn auch wieder ab. Man weiß ja nie. Zum Geburtstag schenkt er ihm ein Springmesser – mit dem er sich notfalls verteidigen kann. Und er beschattet Igors Klassenlehrer, weil der ihm irgendwie komisch vorkommt. Als Igor schließlich wegen einiger Vorfälle der Schule verwiesen wird, kommt das Viktor nur entgegen. Daheim kann er schließlich am besten auf den Jungen aufpassen. Er lässt die Fenster vergittern – obwohl sie im fünften Stock wohnen. Eine Sicherheitstür soll Einbrecher stoppen, das Zimmer seines Sohnes, der das alles erträgt und zwangsläufig mitmacht, überwacht er zusätzlich per Video. Viktor selbst arbeitet derweil von zuhause aus, untersucht als Zellbiologe Anomalien von Zellproben, die ihm das Umweltministerium liefert. Über die Herkunft des Materials erfährt er nichts. Aber er findet Anomalien, was ihn in dem Glauben bestärkt, dass das Draußen feindlich ist.

Der 1968 geborene Terrin versteht es, das Absurde einer Situation herauszukitzeln, es immer weiter zuzuspitzen und dabei erzählerisch so gut einzubetten, dass es einer inneren Logik zu folgen scheint. Und welchen Ideen Viktor da nach und nach verfällt, ist so beachtlich, wie tragisch. Dabei glaubt Viktor tatsächlich, seinen Sohn am besten zu schützen, indem er ihn abschottet. Dass das nicht gut ausgehen kann, versteht sich von selbst. Terrin ist, wenngleich er diese trockene, kühle Komik wunderbar beherrscht, kein Mann für Happy-Ends, denn die würden die Glaubwürdigkeit seiner erzählerischen Erkundung seelischer Abgründe massiv untergraben.

Nun könnte man Terrins Roman als zynischen, provokanten Kommentar zu gelegentlich übers Ziel hinausschießender, elterlicher Fürsorge lesen, etwa wenn Viktor jeden Morgen von innen an den Gitterstäben ruckelt und seinem Sohn mit einem Lächeln versichert, sie beide seien in dieser Wohnung absolut sicher. Viel mehr aber lotet Terrin hier, wie schon in seinem Roman „Der Wachmann“, die Macht des Irrationalen aus, das in einer unübersichtlich gewordenen Welt rasant Boden gut macht. Seinem Protragonisten kommt durch einen Bruch im vermeintlich stabilen Alltagsgefüge der Bezug zur Welt abhanden. Er richtet sich in einer winzigen, dafür perfekt kontrollierbaren Einheit ein und merkt gar nicht, wie rasch ihm Realität und Kontrolle entgleiten.

Peter Terrin: Blanko. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Liebeskind-Verlag, München 2021. 206 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

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