Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Magda wurde ermordet. So viel steht für Vesta Guhl fest. „Vesta Guhl sagten sie? Was ist das denn für ein Name?“, fragt sie sich in einem Tagtraum selbst und erhält „keine Antwort“. Die 72-Jährige in Ottessa Moshfeghs neuem Roman ist nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Hund Charlie wohl in den Osten der USA und dort in eine abgelegene Waldhütte gezogen. Bis dahin hatte sie mit ihrem Mann Walter in einem abgelegenen Farmhaus gelebt, „verloren inmitten endloser Hektar Grasland, die einfach nur leer waren“. An ihrem neuen Wohnort scheint alles ganz gut zu laufen, bis sie auf einem Waldspaziergang einen Zettel findet: „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“ Allein: Da ist keine Leiche. Doch Vesta kann an nichts anderes mehr denken. Wer war diese Magda und wer hatte sie weshalb umgebracht? Blake, gerade so, wie der Naturmystiker William Blake, heißt der Mörder. Das steht für die nüchterne Vesta fest.
Magda war 19, kam aus Weißrussland in die USA, jobbte bei McDonalds, lernte Blake kennen, wohnte bei ihm und seiner Mutter in einer feuchten Kellerwohnung. All das bastelt sich Vesta anhand eines Leitfadens für angehende Schriftsteller zusammen, über den sie bei einer Internetrecherche in der Bibliothek gestolpert ist. Sie arbeitet an der Figur Magda und nähert sich dabei sich selbst. Doch allmählich überwuchert ihre Fantasie die Realität. Sie bezieht Menschen aus dem Ort in ihre Geschichte mit ein, immer absurder geraten deshalb ihre Begegnungen. Und es passieren seltsame Dinge. Ihr Hund ist plötzlich weg, jemand gräbt ihre gerade im Garten ausgebrachten Blumensamen wieder aus, ihr Auto macht keinen Mucks mehr.
Einem allmählichen Verschwinden, einem langen Abschied, einer Suche nach sich selbst schaut man da zu. Ottessa Moshfeghs Protagonistin klingt lange einigermaßen vernünftig nach einer einsamen, mit sich und der Welt hadernden Frau, die nach „einem Leben in Geiselhaft“ die restlichen Jahre selbstbestimmt verbringen will. Walter, schreibt sie, „war wirklich unfähig zu ekstatischen Gefühlen gewesen; er hatte schreckliche Angst vor Spaß und Freiheit gehabt“. Doch die alten Lügen blühen auch in ihrem neuen Leben weiter, das rasch an allen Ecken zu bröseln beginnt, sacht aus den Fugen kippt. Wie viel mag von dem, was sie da erzählt hat, stimmen, wie viel glaubt sie selbst? Ist ihr Ehemann tatsächlich eins natürlichen Todes gestorben. Und wer war diese Magda?
Der Lücke zwischen Wahn und Wirklichkeit, der Diskrepanz von Wollen und Können, hat die in Los Angeles lebende Ottessa Moshfegh bereits etliche Texte (alle bei Liebeskind erschienen) gewidmet, zuletzt mit kantigem Humor und sehr variantenreich in ihrem eindrucksvollen Story-Band „Heimweh nach einer anderen Welt“. Hier arbeitet sie mit ein paar Thrillerelementen, die sie als Motor für die bisweilen etwas absehbar geratene Geschichte verwendet, diesen Ansatz aber durch ihre unzuverlässige Erzählerin immer wieder unterläuft. Spannend ist das dennoch, hat Moshfegh doch ein Faible für wunderbar bizarr anmutende Situationen, während sie lächelnd die ganz alltäglichen Abgründe ihrer Figuren ausleuchtet.

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.

(C) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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