Lauren Wilkinson: American Spy

Der Kalte Krieg taugt noch immer für Spionageromane, zumal die junge US-amerikanische Autorin Lauren Wilkinson den Blick auf einen wenig beachteten Schauplatz richtet: auf Burkina Faso. 1987, zwei Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, spielen große Teile von „American Spy“. Da war die in New York lebende Wilkinson, die auch Drehbücher fürs Fernsehen schreibt, gerade mal drei Jahre alt – was nur zeigt, dass man nicht unbedingt dabei gewesen sein muss, um davon erzählen zu können.
Ihre afroamerikanische Protagonistin Marie Mitchell bekommt etwas angeboten, was zunächst wie die Chance ihres Lebens aussieht. Denn ihre Karriere beim FBI steckt fest. Und da verspricht ein Auftrag der CIA, sie zu dem zu machen, was sie immer sein wollte: eine Spionin. Sie wird auf Thomas Sankara angesetzt, dem sozialistisch orientierten Präsidenten von Burkina Faso. Denn Sankara, sagt ihr Kontaktmann bei der CIA, entwickle mehr und mehr autoritäre Züge. Das Land müsse dringend in eine Demokratie überführt werden.
Tatsächlich putschte sich Sankara 1983 im damaligen Obervolta an die Macht, benannte das Land ein Jahr später in Burkina Faso um, was so viel heißt, wie „Land der Unbestechlichen“. 1987 wurde er von seinem engsten Vertrauten ermordet. Ob die CIA dabei tatsächlich ihre Finger im Spiel hatte, ist bis heute nicht klar – umso besserer Stoff für einen Politthriller. In der Bevölkerung hatte der Präsident hingegen viel Rückhalt, weil er unter anderem gegen die grassierende Korruption im Land vorging, eine Impfkampagne für Kinder startete, die Frauenrechte massiv stärkte und Programme gegen Hunger und Analphabetismus auflegte.
In Wilkinsons Thriller nun ist die als Agentin völlig unerfahrene Ich-Erzählerin vom ersten Augenblick an fasziniert von dem charismatischen Sankara. Und je näher sie ihm kommt, desto mehr hadert sie mit ihrer Rolle und ihren Werten – denn eigentlich, und das ist einer der unaufgelösten Widersprüche dieser Figur, hasst sie Spitzel. Doch erst, als sie begreift, was die wahre Intention ihres Auftrags ist und wer ihre eigentlichen Auftraggeber sind, beschließt sie, spektakulär auszusteigen. Dabei legt sie sich mit mächtigen Gegnern an. Das wird fünf Jahre später, 1992, klar, als sie in ihrer New Yorker Wohnung einen nächtlichen Angreifer tötet und mit ihren beiden Söhnen zu ihrer Mutter nach Martinique flieht. Dort schreibt sie einen emotionalen Brief an ihre noch kleinen Kinder – und dieser Brief mit ihrer Geschichte ist der Roman.
Die Briefform, in der die Erzählerin ihre Kinder immer wieder direkt anspricht, sich zum Glück aber auch wieder davon löst, dient ihr dazu, ihre Geschichte zu verankern. Denn die Kinder haben – unschwer zu erraten und leider völlig übergeigt – mit ihrem Job in Burkina Faso und so mit all ihren beruflichen und privaten Entscheidungen zu tun. Mit dem Brief also schnürt die Erzählerin das alles eng zusammen, betont damit aber eher die Schwächen ihrer auch sprachlich teilweise etwas ungelenk wirkenden Geschichte. Gleichzeitig wird ihr Thriller damit auch zum Familienroman, in dem die Protagonistin von jenen erzählt, die für sie wichtig waren und sind.
Zur spannenden Lektüre aber machen ihn einige bis heute gesellschaftlich relevante Themen. Allen voran treibt die Protagonistin permanent die Frage nach der eigenen Identität als schwarze Frau um, die sich in einem von weißen Männern dominierten, hierarchischen System behaupten muss. „Überall um mich herum nur selbstgefällige Chauvinisten, die sich konservativster Werte rühmten“, stellt sie trocken fest. Daneben geht es etwa um die voranschreitende Privatisierung im Geheimdienstsektor, also das Auslagern heikler Aufträge an private, kaum zu kontrollierende Sicherheitsfirmen und deren stetig wachsenden Macht- und Einflussbereich. Unterm Strich bleibt eine ambitionierte und wendungsreiche Geschichte, die nicht rundum überzeugt, aber dennoch neugierig auf die Fortsetzung macht.

Lauren Wilkinson: American Spy. Aus dem Amerikanischen von Jenny Merling, Antje Althans, Anne Emmert und Katrin Harlass. Tropen-Verlag, 366 Seiten, 16 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2

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