Wolfgang Schorlau: Kreuzberg Blues

Um Mieter loszuwerden, zieht eine Immobilienfirma in Berlin alle Register, lässt aggressive Ratten im Hausflur aussetzen oder im Januar Fenster austauschen – wobei zwischen Aus- und Einbau etliche Tage liegen. Wolfgang Schorlaus Stuttgarter Privatdetektiv Georg Dengler schlittert eher zufällig in diese Geschichte, will es dann aber doch genauer wissen. Er nimmt den Immobilienhai Kröger unter die Lupe. Der will die Häuser entmieten, um etwas Rentableres zu bauen. Dabei stößt Dengler auf ein weit verzweigtes Firmengeflecht und auf eine Branche, in der perfide Ideen gedeihen und mit harten Bandagen gekämpft wird.
Es ist der zehnte Roman um Schorlaus Privatdetektiv Georg Dengler und er unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von den bisherigen. Denn diese Geschichte sollte aus Aktualitätsgründen (Berliner Mietendeckel) rasch verfilmt werden, obwohl Schorlau noch mitten im Schreibprozess steckte. Also zog er für einige Zeit nach Berlin, entwickelte dort zusammen mit Lars Kraume ein Treatment, anhand dessen das Drehbuch und der Roman entstanden. Das hat dem Text offensichtlich gut getan, der stringenter und homogener erzählt ist, als die Vorgänger, in denen die Geschichte stets um die gut recherchierten Themen herumgezimmert war. Feingliedrig ist auch dieser Roman nicht. Schorlau erzählt plakativ, trägt dick auf, hat zudem alle paar Seiten einen Erklärbären stehen.
Der Stuttgarter Autor erzählt hier von einer in den frühen 2000er Jahren begonnenen Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt, als der Berliner Senat in der „Arm, aber sexy“-Phase des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit tausende Wohnungen samt kommunaler Wohnungsbaugesellschaften zu einem Spottpreis an Hedgefonds verkaufte. Die Mieten stiegen, Leute verloren ihre Wohnungen, die plötzlich zu einem verheißungsvollen Faktor im Finanzmarkt geworden waren.
Schorlaus Roman ist noch in anderer Hinsicht interessant, ist er wohl der erste, der den Beginn der Corona-Pandemie miteinbezieht. Die führt zu einem Bruch innerhalb der Geschichte, droht sie zeitweilig zu überwuchern – fast wie im richtigen Leben. Es gab die ersten Meldungen aus Wuhan, als Schorlau gerade am Manuskript saß und entschied, angesichts der dramatischen und einschneidenden Entwicklungen, die Pandemie mit in den Roman zu packen. Sie in einem Text, der im hier und heute spielt, zu ignorieren, wäre ihm komisch vorgekommen, sagte Schorlau in einem Interview. Schorlau nutzt es, um Aktualität und Authentizität herzustellen. Das ist legitim, aber in ein paar Jahren wahrscheinlich interessanter, als im Moment.
Freilich bildet er nicht nur die Pandemieentwicklung nach, sondern macht sich auch Gedanken über die politischen Implikationen. Eine zentrale Rolle spielt im Roman eine rechte Seilschaft innerhalb des Verfassungsschutzes (zu der auch ein gewisser Herr Meesen gehört, der später zum Chef der Behörde aufstieg). Und die wittert ihre Chance, die Querdenker-Bewegung aus Esoterikern, Anthroposophen und Impfgegner gezielt zu unterwandern. Es sei eine Massenbewegung, sagt da einer, „die zum ersten mal nicht links, sondern offen, sehr weit offen für die rechten Kräfte ist. Wir führen sie der nationalen Bewegung zu. Darum geht es jetzt.“ Und das exerziert Schorlau auch gleich durch, indem er einen von Denglers Freunden zum Querdenker mutieren lässt, der plötzlich, man kennt es, bizarre Thesen und Meinungen vertritt. Die lässt Schorlau freilich nicht so stehen, sondern von Denglers Freundin Olga gleich einem Faktencheck unterziehen. Denn Fakten sind es, die Schorlau interessieren. „Finden und erfinden“ heißt seine Devise. Er will mit seinen Romanen für Themen sensibilisieren, die von gesellschaftlicher Relevanz sind. Es ist ein journalistischer Anspruch, den er da in seine Texte trägt und der ihn nicht zum elegantest erzählenden, aber sicher zum engagiertesten Kriminalautor hierzulande macht.

Wolfgang Schorlau: Kreuzberg Blues. Denglers zehnter Fall. Roman, Köln 2020, Kiepenheuer&Witsch, 413 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei culturmag

Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.