Mick Herron: Real Tigers

Abgeschlossene Fälle und sinnlose Recherchen – das sind die Aufgabenfelder der Slow Horses, einer Truppe ausgemusterter Spione, die Mist gebaut haben oder jemandem auf die Füße getreten sind. Slough House heißt ihre Zentrale, ein heruntergekommenes Bürogebäude in London, das man nach einem Arbeitstag verlässt, „als wäre das eigene Gehirn durch einen Entsafter gepresst worden“, sagt eine der Slow Horses. Die hoffen allesamt auf die eine Chance, beweisen zu können, dass sie auf dem Abstellgleis nichts zu suchen haben.

Deshalb lassen sie sich auf aussichtslose Einsätze ein, bei denen man nur verlieren kann und die es offiziell nie gegeben haben wird. In diesem Fall gilt es, Unterlagen aus dem Geheimdienstarchiv zu klauen und sie an Leute zu übergeben, die zuvor eine Agentin der Slow Horses entführt haben. Sie forderten zunächst die Personalakte des neuen Innenministers, einem skrupellosen Machtmenschen mit den unverkennbaren Zügen Boris Johnsons, der nur ein Ziel hat: in Downing Street 10 einzuziehen (das Original erschien 2017). Der Einsatz misslingt und stellt sich zunächst als eine etwas simple Aktion heraus, mit der anscheinend die Funktionsfähigkeit des Dienstes (mit einem so genannten Tigerteam) getestet werden sollte. Doch das Ganze läuft völlig aus dem Ruder, zumal einige Akteure eine eigene Agenda haben und hinter den Kulissen munter intrigiert wird. Der neue Innenminister will sich profilieren und auch innerhalb des Geheimdienstes fordern Machtkämpfe verschlungene Taktiken.

Mick Herrons Geschichten um die Slow Horses (dies ist der dritte Band, „Slow Horses“ und „Dead Lions“ hießen die Vorgänger) sind herrlich absurde Spionageromane, wild und abgedreht, aber in sich stimmig, dazu getränkt mit Sarkasmus und tiefschwarzem Humor. Dabei geht es jeweils auch um größere Themen, hier etwa um die Unmengen von Daten, die so ein Geheimdienst sammelt, diese irgendwie ordnen und vor allem sichern muss. Letzteres geht ziemlich schief. Zudem ergründet der Autor von Buch zu Buch immer mehr die Untiefen seiner Figuren. Die Entführte etwa, die hier mit im Fokus steht, ist trockene Alkoholikerin und hat gerade in dieser Situation hart zu kämpfen. Einer ihrer Kollegen lässt keine Gelegenheit aus, mit seinen Erfahrungen bei einem Sondereinsatzkommando zu prahlen, um dann, als es ernst wird – man sieht es kommen – als erster überrollt zu werden. Souverän führt Herron seine Erzählfäden, wechselt permanent die Perspektive und lotet so seine Geschichte um Rache und politische Winkelzüge jeweils neu aus. Herron lässt auch im dritten Band nicht nach. Es lohnt sich, dran zu bleiben.

Mick Herron: Real Tigers. Ein Fall für Jackson Lamb. (Real Tigers. London, 2017). Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes, Zürich 2020. 474 Seiten, 18 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei http://www.culturmag.de

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