Eric Plamondon: Taqawan

Im Zentrum von Eric Plamondons Roman „Taqawan“ stehen reale Ereignisse: Am 11. und am 20. Juni 1981 drang die Polizei ins östlich von Quebec gelegene Reservat der Mi’gmaq ein, einer der First Nations Kanadas. Für die indigenen Mi’gmaq hat der Lachs eine besondere Bedeutung, ist Lebensgrundlage und zentraler Teil ihrer Mythen. Die Mi’gmaq waren im Juni 1981 draußen vor der Halbinsel Gaspesie beim Fischen, als die Polizei mit einem massiven Aufgebot anrückte und brutal gegen die Indigenen vorging, sie schlug und verhaftete, ihre Fangnetze zerstörte und die gefangenen Lachse konfiszierte. Damals wollte Québecs Regionalregierung die Fischfangrechte der Ureinwohner stark einschränken. Offiziell wurde argumentiert, dass nur so der Zug der Lachse auf ihrer Wanderung zurück in die Heimatgewässer gewährleistet werden könne. Das Argument war vorgeschoben, zogen und ziehen doch große Trawler vor der Küste und Sportangler im ganzen Land viel mehr Lachse aus dem Wasser als die Indigenen. Es ging um ein politisches Anliegen. Quebec stand vor einem Unabhängigkeitsreferendum und wollte die Zentralregierung unter Druck setzen. Die Mi’gmaq ließen sich diese Gängelung nicht gefallen. First Nations aus dem ganzen Land unterstützten sie. Die Ereignisse von damals hat Alanis Obomsawin 1984 in einem hochinteressanten Dokumentarfilm festgehalten, den auch Plamondon als Quelle nutzte.

Der 1969 in Quebec geborene, seit vielen Jahren in Frankreich lebende Plamondon greift in seinem Roman die aufgeheizte Stimmung auf und facht sie durch eine fiktive Geschichte zusätzlich an. Die 15-jährige indigene Océane wird während der Unruhen vergewaltigt. Der ehemalige Ranger Leclerc findet sie verletzt am Strand. Leclerc hat gerade seinen Job als Ranger gekündigt, weil er bei der ersten Polizeiaktion gegen die Mi’gmaq dienstlich dabei sein musste, mit dieser repressiven Politik aber nichts zu tun haben will. Er nimmt das Mädchen mit zu sich und versucht mit seinem Kumpel William, einem Mi’gmaq, den oder die Täter zu finden. Dabei kommen sie einem kriminellen Netzwerk auf die Spur, in das auch Polizisten und Behördenvertreter verwickelt sind.

Plamondon erzählt in kurzen Kapiteln vom Leben der ursprünglich nomadisch lebenden Mi’gmaq, ihren Mythen und ihren Riten, ihrer engen Verbindung zur Natur, ihrer Sprache (Taqawan heißt jener Lachs, der zum ersten Mal in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt) und ihren einst so simplen, wie ausgeklügelten Jagdmethoden. Und er erzählt von der Kolonialisierung Kanadas durch Engländer und Franzosen, die alles andere als friedlich ablief. Nach und nach wurden die Ureinwohner dezimiert, die Überlebenden schließlich in Reservate gezwungen. In diese Reihe kolonialer Unterdrückung und Gewalt gegen Indigene stellt Plamondon auch die später als Lachskrieg bezeichneten Ereignisse 1981.

Plamondon erzählt seine Geschichte in kaleidoskopisch angeordneten Splittern, die allerdings nicht immer so recht zueinanderfinden wollen. Dazu wirkt die Kriminalgeschichte etwas spröde und zu sehr um die Fakten herum gebaut. Dennoch gewährt Plamondon hier durch seine Erzählweise tiefen Einblick in das Selbstverständnis der indigenen Mi’gmaq. Das ist allemal spannend, weil er seine engagierte Erzählung über Rassismus und Korruption in einen größeren historischen und politischen Kontext stellt, der leider nach wie vor brandaktuell ist, auch wenn dieser „Lachskrieg“ schon 40 Jahre zurückliegt.

Éric Plamondon: Taqawan. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos-Verlag, 208 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Eine Version dieses Textes wurde auf SWR 2 gesendet

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