Joachim B. Schmidt: Kalmann

Mit Gammelhai kennt sich Kalmann Odinsson bestens aus. Mit dem ganzen Rest eigentlich auch, wenngleich etwas eingeschränkt. Denn dieser Kalmann, der da im aussterbenden 137-Seelen-Nest Raufarhöfn am ungemütlichen, nördlichen Ende Islands wohnt (Fotos von der Gegend gibt es übrigens hier), hat eine geistige Behinderung. Im Ort nennen sie ihn den Sheriff von Raufarhöfn, denn auf die Straße geht er nur in Cowboyhut, mit Sheriffstern und einer Mauser im Halfter. Er lebt allein im Häuschen seines Großvaters und verdient sich mit dem Gammelhai etwas Geld. Diese sehr spezielle Spezialität ist fermentierter und anschließend getrockneter Grönlandhai. Der Gammelprozess (für die Fermentation wurde der Fisch früher ein paar Wochen am Strand vergraben) ist wichtig, weil das Fleisch der Tiere, die mehrere hundert Jahre alt werden können, sonst ungenießbar ist.
Als Kalmann in den Hügeln hinter dem Dorf über eine Blutlache im Schnee stolpert, scheint ihn das zunächst nicht übermäßig zu beschäftigen. Aber als klar wird, dass das Blut wohl zum vermissten Robert McKenzie gehört, kommt Leben in den tristen Ort. Eine Polizistin ermittelt, Journalisten interviewen jeden, der sich nicht schnell genug verdrückt. Dieser McKenzie war ein wichtiger Mann im Dorf, besaß er doch die verbliebenen Fischfangquoten und das einzige Hotel. Doch Kalmann ist alles andere als ein zuverlässiger Zeuge und Erzähler. Er verrät längst nicht alles, was er weiß. Zudem interessiert ihn viel mehr, was etwa die Polizistin von ihm denkt oder was sein Großvater in dieser Situation getan hätte. Ein Gedanke führt zum nächsten und man ist mitten drin in diesem Universum, in dem Kalmann einen naiven und doch wunderbar schlüssigen und unverstellten Blick auf die Welt offenbart. Als er etwa von seiner Großmutter erzählt, die vor dem Fernseher starb, was sein Großvater zunächst nicht bemerkte, schließt er: „Wenn jemand vor dem Fernseher sitzt, ist es schwer zu sagen, ob er noch lebt oder schon tot ist.“ Oder: In Raufarhöfn „war genug Platz zum Tanzen, aber die Zurückgebliebenen wollten nur noch saufen“.
Eine sehr interessante Figur hat der Schweizer Autor Joachim B. Schmidt mit diesem Kalmann geschaffen, der da, wo er lebt gut aufgehoben ist. Die Leute akzeptieren ihn, lassen ihn machen, passen auf ihn auf. Das weiß er und hat gerade deshalb Angst, der Ort könnte irgendwann aufgegeben werden. Und damit ist Schmidt schon bei den großen Themen. So geht es ganz nebenbei um Überfischung und Abwanderung, um Fangquoten und das Geschäft damit, um den Klimawandel, um Fremdenfeindlichkeit und Drogenschmuggel im großen Stil. Und Schmidt ist ein gewiefter Erzähler mit dem Gespür für die Untiefen, die so eine Figur liefern kann.
Spätestens da mag sich manche/r fragen: Darf der das denn? Darf dieser Autor aus Sicht eines geistig Behinderten erzählen? Er darf das durchaus, denn Schmidt meidet die Klischees und nimmt seinen Kalmann tatsächlich ernst. Der ist etwas eigen, das weiß er und nutzt das gelegentlich auch für sich. Mit Kalmann hat Schmidt einen denkwürdigen Protagonisten geschaffen, ein Tor, der sich im hohen Norden durchs Leben kämpft. Und mit dem Leben dort oben kennt sich der 1981 in Graubünden geborene Schmidt aus, ist er doch vor 13 Jahren nach Island ausgewandert, wo er mit seiner Familie in Reykjavik lebt und gelegentlich Touristen über die Insel führt – wenn er nicht gerade einen Roman schreibt. Und darauf sollte er sich unbedingt weiter konzentrieren.

Joachim B. Schmidt: Kalmann. Zürich, 2020. Diogenes, 351 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen im Magazin Culturmag

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