Hideo Yokoyama: 50

Die Frage nach dem Täter erübrigt sich in Hideo Yokoyamas aktuellem Kriminalroman „50“. Denn der steht von Anfang an fest: Der 49-jährige Polizist Sōichirō Kaji hat seine Frau erwürgt. Er stellt sich, gesteht, wird festgenommen. Seine Frau, sagt er, habe an Alzheimer gelitten. Deshalb habe sie ihn gebeten, sie zu töten. Das hat er getan und sich schrecklich gefühlt dabei. Es war auch der Todestag ihres gemeinsamen Sohnes, der einige Jahre zuvor an Leukämie gestorben war.
Dennoch gibt es Unklarheiten im Verhör. Denn Kaji stellte sich erst drei Tage nach der Tat. Auf seinem Schreibtisch findet die Polizei eine Kalligraphie: Der Mensch lebt 50 Jahre, steht da. Ein Zitat aus einem Gedicht. Wollte sich der 49-Jährige bald selbst das Leben nehmen? In seiner Manteltasche stoßen die Beamten auf ein Päckchen Taschentücher mit Werbeaufdruck eines Etablissements im Tokioter Kabuki-Viertel, dem größten Rotlichtbezirk Japans. War er womöglich dort? Auf Drängen der Polizei ringt sich Kaji schließlich zu der Aussage durch, in den Tagen nach dem Mord umhergeirrt zu sein, um einen Platz zum Sterben zu finden. Was er in der Zeit tatsächlich gemacht hat, will er nicht sagen.
Doch mit diesem halben Geständnis kann die Polizei gut leben. Denn ein Polizist, der ein Verbrechen begeht, zieht in den Augen der Polizeiführung den Ruf der ganzen Truppe in den Dreck. Ein Polizist aber, der sich nach dem Mord an seiner Frau nicht, wie man es von ihm hätte erwarten dürfen, selbst umbringt, sondern sich womöglich noch zwei Tage im Rotlichtviertel vergnügt, wäre der Supergau in Sachen Integrität. Denn ein Polizist, noch dazu in hoher Position, hat diesen Job 24 Stunden lang, und sein Verhalten strahlt stets auf alle Polizisten ab.
Nun dreht sich in diesem eindrucksvollen Roman zwar alles um Kaji, dessen Not und Scham angesichts einer unverzeihlichen Tat, doch im Mittelpunkt stehen andere. Der Autor erzählt entlang der inneren Zwänge und äußeren Rivalitäten verschiedener Institutionen und den Menschen, die darin arbeiten. So stehen nacheinander in längeren Kapiteln der Vernehmungsbeamte, der Staatsanwalt, ein Zeitungsreporter, der Verteidiger, der Richter und schließlich ein Gefängniswärter im Zentrum. Mit ihnen erzählt Yokoyama den Fortgang der Geschichte, indem sich jeder in seiner Funktion mit dem Fall beschäftigt. Nach dem Verhör bei der Polizei bekommt die Staatsanwaltschaft das Protokoll, zweifelt dessen Wahrheitsgehalt an und verlangt eine eigene Befragung des Angeklagten – ein Affront gegenüber der Polizei. Die nimmt kurzerhand einen jungen Staatsanwalt unter windigen Vorwürfen fest und plant ganz offensichtlich einen Tauschhandel. Ein Zeitungsreporter bekommt Wind davon und weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Der Richter glaubt später, dass der Angeklagte lügt, und bekommt doch nichts aus ihm heraus, weil der die Wahrheit tief in sich vergraben hat.
Bekannt wurde der 1957 in Tokio geborene Hideo Yokoyama hierzulande mit seinem internationalen Überraschungserfolg „64“, in dem es ebenso wie in den unter dem Titel „2“ veröffentlichten frühen Erzählungen um die innere Verfasstheit der Polizei geht. Nun hat der Atrium-Verlag Yokoyamas vor knapp 20 Jahren erschienenen Roman „50“ nachgeschoben. Kunstvoll verwebt der Autor darin die einzelnen Teile mit ihren jeweils wechselnden Protagonisten, samt ihren unterschiedlichen Perspektiven auf den Fall, ihren beruflichen und persönlichen Zwängen zu einer feingliedrigen und immer wieder überraschenden Geschichte. Darin zeigt Yokoyama den immensen gesellschaftlichen Druck, dem auch gerne mal die Wahrheit unterliegt. Er erzählt von männlich dominierten, strengen Hierarchien und Leben, die vom allgegenwärtigen Pflichtbewusstsein einfach verschluckt werden. Es geht um zementierte Strukturen, makellose Außenwirkung, bürokratische Höllen und daraus entstehende, existentielle Nöte, aber auch um Wege sachten Widerstands. „50“ ist ein ungewöhnlicher, ein leiser Kriminalroman, in dem Yokoyama klug und präzise aus dem Inneren japanischer Institutionen, der Polizei, der Justiz, der Presse erzählt und damit auch einiges über die japanische Gesellschaft verrät.

Hideo Yokoyama: 50. Aus dem Japanischen von Nora Bartels. 352 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2

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