Zoë Beck: Paradise City

35 Grad hat es in Frankfurt, und alle freuen sich über den eher kühlen Tag. Frankfurt ist mittlerweile zur Hauptstadt aufgestiegen und gleichzeitig zur Megacity mutiert, indem es mit sämtlichen Städten der Region verschmolz. Berlin hingegen ist nur noch für Touristen interessant. Überdies hat der Klimawandel in Zoë Becks dystopischem Thriller „Paradise City“ bereits deutliche Spuren hinterlassen. Die Küstenlinien sind überschwemmt, viele Gebiete auch im Landesinnern unbewohnbar. Das Land selbst ist zu einem autoritären Überwachungsstaat geworden. Vieles davon findet sich bereits im China von heute.
Der Deal mit dem Bürger sieht in etwa so aus: Der Staat sorgt für eine perfekt funktionierende Infrastruktur, gute Gesundheitsversorgung und üppiges Konsumangebot. Es gibt die 20-Stunden-Woche und Vollbeschäftigung. Im Gegenzug herrscht die totale Kontrolle. Die Städte sind videoüberwacht. Jeder führt – die Gegenwart grüßt – ein so genanntes Smartcase mit sich, das, so praktisch es auch sein mag, munter Daten sammelt und weitergibt. Zudem ist jeder mit einer Gesundheits-App versehen, die selbständig Vitalwerte analysiert und genau weiß, wie man sich ernährt, wie viel man sich bewegt, wann man Alkohol trinkt und Drogen nimmt. Sie speichert alles und meldet es an ein medizinisches Zentrum. Wer Sport treibt, bekommt Zusatzpunkte und darf schöner wohnen.
Zoë Becks Protagonistin Liina arbeitet als Rechercheurin für eine der wenigen noch unabhängigen Medienplattformen in Frankfurt. Die Medienlandschaft wird von den staatlichen Nachrichtenagenturen beherrscht. Liina wird von ihrer Agentur in die Uckermark geschickt, wo eine Frauenleiche mit Bisswunden gefunden wurde. Es soll sich um Schakalbisse handeln. Doch Liina ahnt schon, dass an der Geschichte nichts dran ist. Der Fall entpuppt sich dennoch als interessant, weil zunächst so gut wie nichts darüber in Erfahrung zu bringen ist. Noch während Liina recherchiert, wird ihr Chef und Liebhaber bei einem Unfall schwer verletzt. Eine weitere Kollegin stirbt, ein Kollege verschwindet. Alles scheint auf verquere Art mit dem Fall in der Uckermark verknüpft zu sein. Zudem sieht es so aus, als liefen die Fäden bei der Gesundheitsministerin zusammen. Liina kennt sie noch aus Schulzeiten. Damals war sie mit ihr verbotenerweise zu den so genannten „Parallelen“ gefahren, Menschen, die abseits der Mainmetropole recht ursprünglich in einem Dorf wohnten. Einige von ihnen waren behindert oder einfach nur anders als der gesellschaftliche Durchschnitt, den die beiden Mädchen kannten. Eines Tages waren die Menschen verschwunden, und Liina ahnt, dass die Vergangenheit wohl gerade im Begriff ist, sie einzuholen.
Das ist der große Rahmen, die große Geschichte, in die Beck noch weitere gepackt und alles eng miteinander verzahnt hat. Denn Liina ist krank und spielt im Gesundheitssystem des Landes eine besondere Rolle. Sie ist die erste Patientin, der ein aus ihren eigenen Stammzellen entwickeltes Herz implantiert wurde. Über ihre Gesundheit wacht die App, ein selbstlernendes System, das Entscheidungen mit unbestechlicher Maschinenlogik trifft.
Die 1975 geborene, in Berlin lebende Autorin, Übersetzerin und Mit-Verlegerin des Culturbooks-Verlags, Zoë Beck hat hier viele, bereits existierende technologische Ansätze und autoritäre Konzepte konsequent weitergedacht und daraus ein ziemlich ungemütliches Szenario entworfen. Sie setzt sich kritisch mit gegenwärtigen Tendenzen auseinander und zeigt, wohin eine auf kalte Effizienz basierende gesellschaftliche Ordnung führen kann – und welche Möglichkeiten es gibt, sie zu unterlaufen. Das ist klug und komplex, dabei nachvollziehbar und spannend gemacht. Beck kommt zudem fast ohne Effekte aus, kann das alles schlüssig erzählerisch auflösen. „Paradise City“ ist ein hoch aktueller Thriller, der in vielen Facetten von fehlgeleiteten, aber mit Abstrichen durchaus möglichen Entwicklungen handelt. Dabei kommt er erfrischenderweise ganz ohne männliche Helden, Retter und Ermittler aus, setzt stattdessen auf starke Frauenfiguren und einen fein gearbeiteten Plot.

Zoë Beck: Paradise City. Suhrkamp-Verlag, 280 Seiten, 16 Euro.

(c) Frank Rumpel

Veröffentlicht bei SWR 2

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