Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge

Einen wirklich ungewöhnlichen Stil hat sich der Schweizer Grafiker Martin Panchaud erarbeitet. Der 1982 in Genf geborene, in Zürich lebende Zeichner mag es abstrakt. Und so hat er sich in seiner ersten großen Graphic Novel „Die Farbe der Dinge“ vom spröden Charme der Infografik, von Architektur- und Konstruktionsplänen inspirieren lassen. Und indem er sie mit einer Geschichte verbindet, zeigt er eindrucksvoll, wie gewitzt sich mit solch abstrakten Formen tatsächlich erzählen lässt.
Martin Panchaud nutzt fast ausschließlich die Vogelperspektive. Seine Figuren sind verschiedenfarbige Kreise, die sich in Planskizzen bewegen. Man blickt also von oben auf den Ausschnitt einer Spielplatzskizze oder auf die abstrahierte Form einer Pferderennbahn und schaut den Kreisen dabei zu, wie sie sich unterhalten.
Protagonist ist der 14-jährige Simon Hope. Der lebt in einem Londoner Vorort, ist übergewichtig und wird von den gleichaltrigen Jungs in seinem Viertel drangsaliert. Als er einer Wahrsagerin die Einkäufe nach Hause trägt, bekommt er von ihr statt eines Taschengelds einen Tipp fürs anstehende Pferderennen in Ascot. Simon klaut seinem Vater 1000 Pfund, setzt auf das genannte Pferd – und gewinnt 16 Millionen. Das Problem: Er ist zu jung, um das Geld zu kassieren, braucht dafür die Unterschrift seines Vaters. Doch als er nach Hause kommt, hat der seine Frau ins Koma geprügelt und ist abgehauen. Um ihn zu finden, nimmt er die Hilfe eines Mannes an, der behauptet, ein Freund seiner Mutter und außerdem Detektiv zu sein. Also reist er mit dem Unbekannten quer durchs Land, um seinen Vater zu finden. Derweil taucht ein weiteres Problem auf: Durch einen Zeitungsbericht weiß mittlerweile jeder, dass er reich ist. Und alle wollen sie seinen Wettschein.
Panchaud vollbringt hier ein echtes Kunststück: Seine farbigen Kreise werden zu Figuren, die Planskizzen zu Orten, das Ganze zu einer packenden Kriminalgeschichte. Das gelingt ihm zum einen durch die Dialoge, über die er seine Kreise zu Charakteren macht, die da mit ihren Wünschen, Ängsten und Emotionen sichtbar werden – freilich für jeden auf andere Art. Es gelingt aber auch, indem Martin Panchaud auf den Wiedererkennungseffekt setzt, auf Geschichten und Typen, die man bereits zu kennen glaubt. Doch weil er sich bei seinen Figuren eben nicht festlegt, ihnen durch die Abstraktion etwas schillerndes, uneindeutiges lässt, funktioniert das bestens. Es bleibt jedem selbst überlassen, etwa die Szene in einer Autobahnraststätte, in der Simon von drei Rockern bedrängt wird – drei Kreise also, die einen vierten umher schubsen – für sich selbst zu bebildern. Der Autor ist da fein raus.
Nun weiß Panchaud, der auch schon die gesamte Star Wars Episode IV in eine 123 Meter lange Infografik übertragen hat, wo die Grenzen seiner Erzählweise liegen. Nicht alles lässt sich von oben zeigen und so schiebt er gelegentlich auch ein paar Seitenansichten ein, die eine Szene oder ein Detail erläutern. Bei einem Gespräch zwischen dem Detektiv und einem Informanten etwa wird im wahrsten Sinne nebenher Whisky getrunken. Während sich zwei Kreise unterhalten, leeren und füllen sich die links und rechts der Grafik schwebenden Whiskygläser und zeigen an, wie betrunken die beiden Kreise bereits sind. Und weil die kleinteiligen Grafiken trotz ständig wechselnder Schauplätze auf Dauer doch anstrengend zu lesen wären, hat Panchaud immer wieder großformatige, flächige Zeichnungen eingestreut, bei denen sich der Blick etwas ausruhen kann und die der Geschichte dennoch eine weitere Ebene hinzufügen. So widmet er sich immer wieder einem Blauwal namens B-52, dem schließlich noch eine entscheidende Rolle in der Geschichte zukommt.
Panchaud erzählt hier mit viel hinterhältigem Humor und kunstvoll, weil neu arrangierten Mitteln die Geschichte eines jungen Außenseiters, der sich zu einem durchsetzungsstarken Charakter entwickelt. Danach wird man schnöde Pläne und bunte Kreise mit ganz anderen Augen betrachten.

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge. Aus dem Französischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, 228 Seiten, 35 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2

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