Frank Göhre: Verdammte Liebe Amsterdam

Endlich mal wieder ein Roman von Frank Göhre. Zumindest beim fiktionalen Stoff hatte sich der Hamburger Autor die vergangenen zehn Jahre rausgehalten. Stattdessen schrieb er über andere Kriminalautoren, beschäftigte sich zusammen mit Alf Mayer etwa mit den US-amerikanischen Schriftstellern Elmore Leonard und Ed McBain.
In seinem aktuellen Roman nun erzählt Göhre von einem Hamburger Restaurantbesitzer namens Georg Köster, den alle nur Schorsch nennen. Dessen Bruder Michael wurde auf einem Autobahnrastplatz bei Köln erschlagen und ausgeraubt. Schorsch fährt nach Köln. Er ist der einzige Verwandte und muss einige Formalitäten regeln. Außerdem will er mehr über seinen Bruder wissen, denn die beiden hatten sich aus den Augen verloren. In einem Notizbuch aus dem Nachlass findet Schorsch ein paar Hinweise, denen er nachgeht. Die Spur führt zu einer Frau, die in einer Beziehung mit einem cholerischen Polizisten festhängt und deren 15-jährige Tochter abgehauen ist. Schorschs Bruder hatte die Frau gekannt und war nach Amsterdam gefahren, um das Mädchen zu suchen. Also fährt auch Schorsch nach Amsterdam, checkt in dem Hotel ein, in dem sein Bruder wohnte, und macht sich auf die Suche nach der 15-Jährigen. Und er hofft, so auch etwas über seinen Bruder Michael in Erfahrung zu bringen.
Während sich Schorsch in Amsterdam umhört, sich Gedanken über sich und seine Familie macht, wird längst Verdrängtes wieder an die Oberfläche geschwemmt, alte Geschichten, mit denen er sich auseinandersetzen muss – der gewaltsame Tod ihrer ungeliebten Stiefmutter etwa. Aber es ist eben nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, auch die Gegenwart hält ein paar unangenehme Überraschungen parat. So ist das Mädchen nicht ohne Grund von daheim abgehauen. Und sein Bruder wurde wohl nicht zufällig überfallen.
Nur gut 150 Seiten braucht der 76-jährige Frank Göhre für diese auf den ersten Blick recht unspektakulär daherkommende Geschichte. Doch er gibt ihr nach und nach immer noch einen Dreh, schiebt in kurzen Rückblenden immer wieder kleine Puzzleteile aus der Vergangenheit ein, bis daraus ein komplexes, facettenreiches Ganzes entstanden ist. Und das ist kühl und schnell mit bissigem Humor und wunderbar geschliffenen Dialogen erzählt. Seine Figuren zeichnet Göhre gleichermaßen prägnant und sensibel, schaut mit ihnen in ein paar alltägliche Abgründe und lässt längst nicht alle mit dem Leben davonkommen.
Bekannt wurde Göhre mit seinem mit Götz George verfilmten Roman „Abwärts“, zu dem er auch das Drehbuch schrieb. 1986 erschien sein erster, mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneter Kriminalroman „Der Schrei des Schmetterlings“, der Auftakt zu seiner Kiez-Trilogie. Den Ausschlag dafür gab der Hamburger Polizeiskandal. Damals waren hohe Polizeibeamte und Politiker mit dem Hamburger Rotlichtmilieu verbandelt. Das interessierte Göhre, er recherchierte intensiv und verdichtete den Stoff zu auch stilistisch großartigen Noir-Romanen. Korrupte Polizisten, die ewige Gier nach Geld und Geltung spielen auch in seiner aktuellen Geschichte eine Rolle, doch mit dem Hamburger Kiez hat das nur noch am Rande zu tun, ist allenfalls über einzelne Figuren damit verbunden.
Dazwischen veröffentlichte Göhre weitere Romane und Drehbücher, gab die Texte von Friedrich Glauser neu heraus und schrieb über ihn. Immer wieder erkundete er Städte und Orte mit Romanen von Kollegen unterm Arm, verfasste dazu literarische Reportagen. So hatte er sich vor Jahren Amsterdam mit den Kriminalromanen von Nicolas Freeling und Janwillem van de Wetering erschlossen. Deshalb hat die Stadt, in der sich sein Protagonist nun bewegt, auch Tiefe, ist nicht nur Reiseführer-Kulisse.
Frank Göhre schreibt hoch konzentrierte Romane über jene die abseits stehen und dennoch ihr Glück suchen, die ihr Päckchen zu tragen haben, einsame Entscheidungen treffen und oft selbst nicht ohne Schuld sind. Pathetisch ist das nie. Dafür ist Göhre ein viel zu genauer Beobachter, der Verhältnisse und Zusammenhänge präzise zu sezieren weiß. Bleibt zu hoffen, dass bis zum nächsten Roman nicht wieder zehn Jahre vergehen.

Frank Göhre: Verdammte Liebe Amsterdam. Culturbooks, 158 Seiten, 15 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

 

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