Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis

Der 82-jährige Dramatiker und Autor Hansjörg Schneider lässt sich Zeit, pfeift auf Erzählkonventionen, auf Spannungskonzepte sowieso. Für Freunde straffer Handlung und greller Action ist das nichts. Auch sein zehnter Hunkeler-Roman ist im besten Sinne eine Übung in Langmut, in genauem Hinsehen und präziser Beschreibung.
Sein Kommissar Peter Hunkeler ist längst im Ruhestand, bleibt aber ein unruhiger Geist, schätzt das Nebensächliche, hat etwas übrig für das oft Übersehene. Das gilt auch für jene am Rand der Gesellschaft, die Abgehängten, die Unkonventionellen, die in so gar kein Raster passen wollen. Hunkeler lebt wie sein Autor in Basel, hat außerdem ein Häuschen im Elsass. Seinen Kaffee trinkt er an einem Kiosk im Basler Kannenfeldpark, einem ehemaligen Friedhof. Dort wird die Leiche des Feuilletonisten Heinrich Schmidinger gefunden, erschlagen mit einer Boulekugel. Noch vor die Polizei kommt, schaut sich Hunkeler den Toten an – und macht sich dann aus dem Staub, weil er auf gar keinen Fall den ehemaligen Kollegen begegnen will. Wissen will er es schon, beginnt deswegen nun aber keineswegs stringent zu ermitteln. Er hört sich eher beiläufig um, sammelt ein paar Hinweise, verknüpft ein paar Gedanken. Zu Lebzeiten, erfährt er von einer ehemaligen Journalistin, die jetzt mit schlechter Rente, billigem Rotwein und ihren Ziegen in einer Hütte wohnt, aber dank alter Kontakte und neuester Technik bestens informiert ist, sei dieser Kritiker Schmidinger eine Bestie gewesen, der Karrieren zerstörte. Eigentlich, sagt eine andere, „hätte er gerne applaudiert, aber das konnte er nicht“. Es ist eine Spur, die nicht weiterführt.
Wichtiger als solche Spuren sind ohnehin Hunkelers Gesprächspartner. Da gibt es eine weitere Journalistin, die sich auf Indianer im Amazonasgebiet spezialisiert hatte und seither mit einer weißen Adlerfeder im Haar durch die Stadt zieht. Eine schwarz gekleidete Holländerin mit Zylinder und Flöte geht zu Fuß nach Cremona. Im Park sitzt einer in Kutte hinterm Thujabusch und rezitiert alte orientalische Verse. Und auch Hunkeler selbst kommt ob dieser Begegnungen immer wieder ins Grübeln, ist sich nicht sicher, ob dieses Leben, das er da führt, das richtige ist, ob er nicht näher ran muss, an die Wildnis, die hier aus allen Richtungen herandrängt. So trifft er auf einen wilden Hund und muss sehen, dass es noch wildere Tiere gibt. Er verbringt eine unruhige Nacht auf dem Rasen im Park, wandert nachts von Basel ins Elsass und feierwütigen jungen Nachbarn, wirft er schon mal die Scheibe mit einer alten Kartoffel ein.
Dieser Hunkeler ist ein widerborstiger Geist, hat etwas Unberechenbares, sucht das Ursprüngliche, das Eigene und mag sich doch nicht von Gewohnheiten, von gutem Essen etwa, verabschieden. Das Leben, das wird ihm hier immer wieder klar, ist schnell vorbei, die Zivilisation brüchig. Die Wildnis jedenfalls ist nirgends so übel, wie dort, wo viele Menschen aufeinander hocken. Hunkeler treibt durch diese Geschichte, beobachtet, sammelt, nimmt hier einen Gedanken auf, spinnt dort einen anderen weiter. Und Schneider führt dankenswerterweise gar nicht alles zusammen, lässt manches einfach stehen oder ins Leere laufen, die Aufklärung des Kriminalfalls wird zu einer Geschichte unter vielen.

Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis. Diogenes-Verlag, 212 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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