Mercedes Rosende: Falsche Ursula

Ursula ist unzufrieden: Mit sich selbst und mit der Welt. Andere sind schlanker, hübscher, reicher, glücklicher als sie, und das mag Ursula Lopez im aktuellen, bissigen Kriminalroman von Mercedes Rosende nicht mehr länger hinnehmen. Ursula hat ein paar Kilo zu viel. Sie quält sich zu Weight Watchers-Treffen und ist in der Diätendauerschleife, weil sie in kritischen Momenten doch immer wieder dem Reiz von Steakburgern und Karamellpudding erliegt. Sie arbeitet als Übersetzerin und nebenher als prollige Statistin für ein Reality-TV-Format. Was keiner weiß und was sie sich auch selbst nicht eingestehen will: Ursula ist eine gefährliche Frau, die bereits ihren Vater und ihre Tante auf dem Gewissen hat – ohne dass sie dafür je zur Rechenschaft gezogen worden wäre.
Völlig unverhofft bekommt sie nun Gelegenheit, aus ihrem alten Leben auszubrechen. Ein Anrufer teilt ihr mit, man habe ihren Ehemann, den Unternehmer Santiago Losada, entführt und fordere Lösegeld. Allein: Ursula hat gar keinen Ehemann. Doch statt den Irrtum aufzuklären, lässt sie sich auf die Situation ein, trifft sich mit dem Entführer, der keineswegs scheu, sondern seltsam redselig und auskunftsfreudig ist. Er fordert eine Million Pesos Lösegeld. Sie sagt zu, weil sie ja weiß: Sie ist die falsche Ursula. Im Telefonbuch findet sie die richtige Ursula, kontaktiert sie und setzt noch einen drauf, indem sie von ihr zwei Millionen Lösegeld fordert. Die Ehefrau des Entführungsopfers erhöht auf drei Millionen – wenn ihr Mann nicht mehr zurückkommt. Die falsche Ursula sagt zu, ohne ihrerseits zu merken, dass da gerade ein abgekartetes Spiel aus dem Ruder läuft.
Die 1958 geborene, in Montevideo lebende Mercedes Rosende hat voriges Jahr für ihren gewitzten Kriminalroman „Krokodilstränen“ den LiBeraturpreis bekommen, der ausschließlich an Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt vergeben wird. „Krokodilstränen“ entstand nach dem nun vorliegenden Roman und knüpft inhaltlich direkt an ihn an. Darin ist Ursula Lopez bereits eine ausgekochte Kriminelle. In „Falsche Ursula“ aber entdeckt sie diese kriminelle Ader erst oder besser: gesteht sie sich ein. Das funktioniert hier mit Ursula als Ich-Erzählerin prächtig. Doch belässt es Rosende nicht dabei, sondern wechselt immer mal wieder die Erzählperspektive, beobachtet Ursula und andere Figuren von außen, schiebt Zeitungsberichte und Briefe ein, verlässt sich auch mal ganz auf Dialoge.
Auch in diesem Roman sind es die Frauen, die in einer Männerwelt das Ruder an sich reißen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Das ist nicht weiter schwer, sind doch die Männer in Rosendes beiden bisher auf Deutsch erschienenen Romanen ausgemachte Trottel, unfähig, unentschlossen, froh, wenn ihnen jemand sagt, was sie zu tun haben. Und die beiden Ursulas machen sich das unabhängig voneinander zunutze, jede aus einem anderen Antrieb heraus. Sie wollte, sagte Mercedes Rosende, über Frauen schreiben, die nicht gehorchen, die sich dem ästhetischen Kanon verweigern und die noch nicht einmal die Pflicht akzeptieren, „sanft, friedlich und unterwürfig“ zu sein.
Ursula ist eine solche Frau. Und ihre Geschichte erzählt Mercedes Rosende, die im Brotberuf als Anwältin arbeitet und mit ihren Büchern bereits mehrere Preise, darunter den uruguayischen Nationalliteraturpreis gewonnen hat, gekonnt mit tiefschwarzem Humor. Die unter den gesellschaftlichen Schönheitsidealen leidende Ursula will endlich auf die Sonnenseite wechseln und jenes Leben führen, das ihr vorschwebt – nämlich das der anderen. Sie begreift noch nicht ganz, dass sie da einem oberflächlichen Trugbild aufsitzt. Ihre Schwester Luz etwa ist mit einem reichen Unternehmer verheiratet, wohnt in einer schicken Villa und kann sich ganz ihrem Rosengarten und ihrer Fitness widmen – langweilt sich aber zu Tode.
Während der Roman „Krokodilstränen“ unter anderem mit greller Action punktete, ist „Falsche Ursula“ in einem anderen Ton erzählt, ist ruhiger, intimer und weitschweifiger, liefert aber immer noch eine schön abstruse und zupackend erzählte Geschichte.

Mercedes Rosende: Falsche Ursula. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, 204 Seiten, 18 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.