Ben Smith: Dahinter das offene Meer

Graues Proteinhack aus der Dose – das ist Alltag für die beiden Protagonisten in Ben Smiths Debüt „Dahinter das offene Meer“. Die beiden – Smith nennt sie meist nur der Junge und der Alte – leben auf einer Offshore-Plattform weit draußen in der Nordsee. Die Tage sind so trüb und eintönig wie das Essen. Es ist ein Stück versehrte Zivilisation, 600 Windräder im atlantischen Nirgendwo. Die beiden Protagonisten sind dort gefangen, kommen nicht weg, weil ihr batteriebetriebenes Boot nur eine geringe Reichweite hat. Sie verteidigen einen kleinen Teil des Parks gegen die Natur, indem sie Marodes notdürftig reparieren. Denn Ersatzteile haben sie fast keine, müssen jeden Tag improvisieren. Ob der erzeugte Strom tatsächlich irgendwohin fließt, ist unklar. Der Junge jedenfalls nimmt seine Aufgabe ernst, auch weil es sonst nichts zu tun gibt. Sein Kompagnon dagegen verwendet seine Zeit darauf, mit Netzen nach im Wasser treibendem Plastik zu fischen. Hin und wieder kommt ein Versorgungsschiff und bringt das Nötigste, wobei sich der Schiffsführer seine Dienste gut bezahlen lässt – am liebsten mit Teilen von Generatoren und Windrädern, die er auf dem Festland zu Geld machen kann.
Die Geschichte spielt in einer unbestimmten Zukunft, in der unser Planet einen höchst desolaten Eindruck macht. Der Meeresspiegel ist gestiegen, die Küsten sind überschwemmt. Die alten Städte entlang der Küsten sind laut dem Kapitän des Versorgungsschiffes nur noch Ruinen. Der Windpark gehört einer omnipräsenten „Firma“. Das Meer wirkt ob des darin treibenden Plastikmülls fast dickflüssig. Fische gibt es so gut wie keine mehr. Immer wieder toben heftige Stürme.
Es ist ein düsteres, hoffnungsloses Szenario, das der 1985 geborene Ben Smith da entwirft. Im Brotberuf lehrt er kreatives Schreiben an der Universität der südwestenglischen Stadt Plymouth. Mit den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigt er sich sowohl als Literaturwissenschaftler wie als Autor. Dabei deutet er die ganze Misere nur an, zeigt nie das ganze Bild. Auch Erklärungen liefert er keine. Stattdessen konzentriert er sich ganz auf seine beiden Protagonisten, deren Verhältnis zueinander schwierig ist, die sich aber auch gegenseitig brauchen, ist der jeweils andere doch fast der einzige menschliche Kontakt. Der Junge ist auf der Plattform, weil ihn die Firma zwang, den Vertrag seines Vaters zu erfüllen. Der hatte im Offshore-Park geschuftet, war aber eines Tages verschwunden. Der Junge versucht nun herauszufinden, was mit seinem Vater geschah. Von dem Alten erfährt er nichts. Der besäuft sich lieber mit einem dubiosen, selbst hergestellten Gebräu. Als der Junge ein Boot findet, das sein Vater benutzt haben muss, wird ihm klar, dass der wohl beim Versuch zu fliehen,umgekommen ist. Und mit dieser Entdeckung keimt in ihm der Wunsch, dessen Boot heimlich fit zu machen und selbst abzuhauen. Damit weckt er endgültig das Misstrauen des Alten.
Smith erzählt das in kurzen, klaren Sätzen, in markanten Bildern, mit denen er die Trostlosigkeit der Tage und die nagende Ungewissheit eindringlich, aber humorlos einzufangen versteht. Als Erzähler ist er nah an dem Jungen, der nach und nach einige Zusammenhänge begreift. Dadurch allerdings nimmt auch die Spannung zwischen den Protagonisten zu.
Zwischen die Kapitel hat Smith von der eigentlichen Erzählung völlig losgelöste, enigmatische Naturbeschreibungen gestreut, die vom Untergang Doggerlands erzählen. Dieses Doggerland, das dem Roman auch seinen englischen Titel gab, verband einst England mit dem europäischen Festland. Das Gebiet war besiedelt und wurde vor rund 10 000 Jahren von der Nordsee überflutet, als deren Wasserspiegel allmählich stieg. Es steht sinnbildlich für jene Umweltkatastrophe, die Smith hier andeutet und die ihren Ursprung freilich im Hier und Jetzt hat. Selbst der marode Windpark lässt sich als eine Art künstliches Doggerland sehen, dessen Untergang besiegelt ist. Und auf diesem der Natur abgetrotzten Stück Land am Rand einer vergessenen Welt inszeniert Ben Smith sein beklemmendes Kammerspiel.

Ben Smith: Dahinter das offene Meer. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Liebeskind-Verlag, 254 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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