Davide Longo: Die jungen Bestien

Bleierne Jahre wurden die Siebziger in Italien genannt. Bereits 1969 hatten Neofaschisten in Mailand mehrere Bomben gezündet. Ziel war es, die Linke zu diskreditieren und so einen möglichen Wahlsieg der Kommunisten zu verhindern. Die Linke antwortete ihrerseit mit Terror. Die Attentate von links wie von rechts forderten über die Jahre hunderte Tote. In diese Zeit reicht Davide Longos aktueller Roman zurück.
Alles beginnt damit, dass Anfang der 2000er Jahre bei Bauarbeiten an der Schnellbahnstrecke zwischen Turin und Mailand Skelette gefunden werden. Die Polizeiführung ist bemüht, aus den zehn Toten Partisanen aus dem Zweiten Weltkrieg zu machen. Doch gerade der Eifer seiner Vorgesetzten weckt das Misstrauen des Turiner Commissario Arcadipane. Zudem datiert eine Pathologin die Knochen auf die 1970er Jahre, und eine Polizeikollegin mit besten Computerkenntnissen kann ihm sogar den Namen eines der Toten liefern. Dieser Mann war im Herbst 1974 an einem Brandanschlag auf die Turiner Zentrale der neofaschistischen Partei MSI beteiligt. Ein Parteimitglied, das sich im Gebäude aufhielt, kam dabei ums Leben. Nach dem Anschlag verlor sich von der linken Gruppe jede Spur.
Arcadipane sucht seinen ehemaligen Vorgesetzten Corso Bramard auf. Denn der war in den 1970er Jahren ein paar Wochen lang bei der Politischen Polizei in Turin und hatte mit dem Mann zu tun, dessen Skelett jetzt entdeckt wurde. Damals hatte Bramard angenommen, der junge Mann hätte sich nach dem Anschlag mit der ganzen Gruppe aus dem Staub gemacht. Doch so weit, das sah er jetzt, war er offensichtlich nicht gekommen. Er war umgebracht und verscharrt worden. Deshalb beteiligt sich Bramard zusammen mit der IT-Spezialistin Isa an den Ermittlungen von Arcadipane. Gemeinsam machen sie die wenigen verbliebenen Mitglieder der Gruppe oder deren Angehörige ausfindig und allmählich wird klar, dass durchaus die Politische Polizei oder der Geheimdienst an diesem Verbrechen beteiligt gewesen sein könnten.
Der 1972 geborene Longo, der in Turin kreatives Schreiben unterrichtet, erzählt hier von den Anfängen der linksradikalen Brigate Rosse, der Roten Brigaden. Longos fiktive Terrorzelle besteht aus etwas orientierungslos wirkenden jungen Leuten, die sich zwar an den Verhältnissen reiben, den Anschlag zum großen Teil aber dennoch eher widerwillig begehen. Sie wissen nicht, dass sich im Gebäude, das sie in Brand stecken, jemand aufhält. Und sie merken auch nicht, dass ihre Gruppe vom Geheimdienst oder einer anderen Organisation unterwandert ist.
Longos Geschichte lebt dabei längst nicht nur von den Ermittlungen, sondern auch von seinem eigenwilligen Personal, mit dem ihm einige wunderbar schwebende Szenen voll wildem Humor gelingen. Sein Protagonist Arcadipane etwa ist erschöpft und deprimiert, hat Tränenattacken und Erektionsstörungen. Er sucht eine körperlich teilweise gelähmte Psychologin auf, die ihn auf sehr unkonventionelle Art heilt, ihm hilft, zu sich selbst zu finden und ihm schließlich einen Bußweg aufzwingt: Mit ihr auf dem Rücken treibt sie ihn zu einer Wallfahrtskirche hoch in den Bergen.
Sprachlich ist Longo stets obenauf, hat ein sicheres Gespür für Stimmung und Rhythmus, für intime Szenen wie für das große Ganze. Er erzählt gleichermaßen sensibel und präzise, setzt streckenweise allein auf Dialoge, in denen man sich erst einmal zurechtfinden muss, platziert seine Figuren in eine mal melancholisch getünchte, mal kristallklar gezeichnete Umgebung und hat immer noch Luft für philosophische Betrachtungen.
Das zeigte er schon in den drei bisher auf Deutsch erschienenen Romanen. Fanden sich in „Der Steingänger“ und „Der aufrechte Mann“ zudem bereits Anklänge ans Krimi-Genre, war „Der Fall Bramard“ sein erster Kriminalroman. Doch während er darin noch kunstvoll eine verschwirbelte Geschichte erzählte, stark vor allem in den Beschreibungen der piemontesischen Bergwelt und dem Leben dort, scheint er im aktuellen Roman ganz bei sich selbst angekommen zu sein, denn hier passt alles. Longo gelingt eine facettenreiche, dunkle Geschichte über eine Zeit unübersichtlicher politischer Verhältnisse. Und seine Ermittler haben es mit einem Verbrechen zu tun, das der Staat gerne unter den Teppich gekehrt hätte.

Davide Longo: Die jungen Bestien. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt-Verlag, 413 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2.

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