Max Annas: Morduntersuchungskommission

Die DDR im Jahr 1983. Offiziell ist der Osten sicher, Verbrechen, sagen die Genossen, gebe es nur im Westen. Dennoch hat die titelgebende Morduntersuchungskommission in Max Annas‘ neuem Roman alle Hände voll zu tun. Jeden Tag ist sie im Einsatz. Doch schreckt ein Mordfall die Behörden besonders auf. An der Zugstrecke zwischen Jena und Rudolstadt wird die entstellte Leiche eines Mosambikaners gefunden. Es könnte sich um ein rassistisch motiviertes Verbrechen handeln, das es im antifaschistischen Staat, als der sich die DDR verstand, freilich gar nicht geben dürfte.
Max Annas‘ zunächst etwas naiver Protagonist Otto Castorp, Oberleutnant bei der Polizei, ist verheiratet, hat zwei Kinder, ist aber lieber bei seiner Geliebten. Seinen Job nimmt er zwar nicht übertrieben ernst, doch dieser Fall setzt ihm zu. Bereits die Identifizierung des Toten ist kompliziert. „Da stehen wir nicht gut da“, sagt ein Vorgesetzter, „wenn wir überall anklopfen und fragen, ob irgendwo einer fehlt.“ Die Ermittlungen gestalten sich erst zäh und werden schließlich vom Ministerium für Staatssicherheit gestoppt. Dieses gibt auch das Ermittlungsergebnis vor: Es war ganz einfach ein Unfall. Das kann Otto Castorp so nicht stehen lassen. Heimlich ermittelt er weiter, kommt den Tätern zwar näher, weiß aber, dass er auf seine Behörde nicht zählen kann.
In bisher vier Romanen beschäftigte sich Max Annas in ganz unterschiedlichen Settings mit dem Thema Rassismus und Ausgrenzung. Spielten die ersten beiden Bücher „Die Farm“ und „Die Mauer“ noch in Südafrika, wo Annas über sieben Jahre lebte, siedelte er die zwei folgenden in Deutschland an. Zuletzt entwarf er im Roman „Finsterwalde“ eine düstere Zukunftsvision, in der Schwarze in Lagern auf dem Land kaserniert werden. Nun nimmt er sich mit einer Geschichte aus der Deutschen Demokratischen Republik einen historischen Stoff vor. 1986 wurde der Mosambikaner Manuel Diogo auf der Zugfahrt von Berlin nach Dessau brutal ermordet. Diogo war einer von rund 90.000 so genannten Vertragsarbeitern, welche die DDR in sozialistischen Bruderstaaten wie etwa Vietnam oder eben Mosambik anwarb. Allerdings hat Annas nur einzelne Elemente des realen Falls in seiner fiktiven Geschichte verarbeitet. Während sich der tatsächliche Fall in Sachsen-Anhalt zutrug, hat Annas ihn nach Thüringen verlegt, weil er diese Gegend von zahlreichen Besuchen in der DDR gut kennt. Und wenngleich es ein historischer Roman ist, erzählt Annas, wenn es um rechte Netzwerke und Rassismus geht, freilich stets auch von der Gegenwart.
Neu ist der Ton, den der 1963 geborene, in Berlin lebende Autor anschlägt. Setzte er bisher auf Tempo, auf Action, auf überraschende Wendungen, erzählt er hier ruhig, fast nüchtern. Er folgt seinem Protagonisten auf all den langwierigen Ermittlungswegen, ist mit ihm auf den fast leeren Straßen unterwegs, bei unergiebigen Befragungen dabei. Dadurch allerdings fängt Annas einiges an Alltag ein, einem Alltag, der immer wieder von Mangel geprägt ist, von steter Überwachung und daraus resultierendem Misstrauen. Das ist kein breit angelegtes Sittengemälde, es gibt auch keine Spur von Ostalgie. Die DDR des im Westen aufgewachsenen Annas lebt eher von vielen kleinen Szenen, Beobachtungen und Dialogen.
Er konzentriert sich dabei auf einige wenige, leider nicht allzu scharf konturierte Figuren und deren Umgang mit den Lebensverhältnissen. Sein Protagonist ist im Zuge der Mordermittlung immer wieder mit Situationen konfrontiert, die ihn zweifeln lassen. So scheint einer seiner Kollegen von seiner Geliebten zu wissen und lässt dies gelegentlich als sachte Drohung durchblicken. Auch das Verhältnis zu seinem Bruder verkompliziert sich, ist der doch bei der Stasi und offensichtlich über jeden Schritt Ottos im Bild. Beruflich, wie privat bekommt dieser Otto Castorp also ständig die Grenzen zu spüren, in denen er lebt und die er keinesfalls alle akzeptieren kann. Ein spannendes und vielversprechendes Projekt hat Max Annas da gestartet, soll doch dieser Roman nur der erste einer Serie sein.

Max Annas: Morduntersuchungskommission. Rowohlt-Verlag, 346 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2. 

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