Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

Man muss sie sich wohl als ziemlich garstigen Ort vorstellen: die Bergbauregion des Bundesstaates Pennsylvania an der US-amerikanischen Ostküste. An einigen Stellen brennen dort tatsächlich seit über 50 Jahren gewaltige Kohleflöze. In der Luft hängt ständig beißender Schwefelgestank. Die Hitze sprengt den Boden auf, macht die Gegend zur unbewohnbaren Einöde. Aus Minenstädten sind Geisterorte geworden. Genau dort hat die US-amerikanische Autorin Tawni O’Dell ihren vielschichtigen Kriminalroman „Wenn Engel brennen“ angesiedelt.
Ihre selbstbewusste Ich-Erzählerin Dove Carnahan ist die erste Polizeichefin von Buchanan, einer fiktiven Stadt nahe jener, durch den Kohleabbau ruinierten Region. Carnahan ist 50 Jahre alt und hat gelernt, sich in einem männerdominierten Beruf durchzusetzen. „Ich habe sämtliche Spielarten von Ablehnung, Sabotage und Schikanen erlebt, die das Y-Chromosom aufzubieten hat“, sagt die unerschrockene Erzählerin, die ihre Laufbahn bei der State Police aufgab und sich für einen meist ruhigen Sheriff-Posten auf dem Land entschied. Mit der Ruhe freilich ist es vorbei, als in einer qualmenden Erdspalte die Leiche einer 22-Jährigen gefunden wird. Sie stammt aus einer polizeibekannten Redneck-Familie, deren Mitglieder kriminell oder arbeitslos, dazu aggressiv und untereinander zerstritten sind. Mit der Polizei würden sie niemals zusammenarbeiten. So treten die Ermittlungen lange auf der Stelle.
Ganz unbefangen ist die Polizeichefin nicht, weckt der Fall in ihr doch sorgsam verdrängte Erinnerungen. Denn Carnahans Mutter, eine lebenslustige Frau, die sich um ihre drei Kinder allenfalls sporadisch kümmerte, wurde zuhause erschlagen. Carnahan und ihre in sich gekehrte Schwester Neely, die laut der Erzählerin „kaum öfter lächelt, als Mum geputzt hat“, waren damals noch Jugendliche. Die Mädchen sagten gegen einen Freund der Mutter aus, den beide nicht leiden konnten und der daraufhin für 35 Jahre ins Gefängnis musste. Nun ist er draußen und bedrängt die beiden Zeuginnen von damals, will endlich die Wahrheit wissen – denn er war es nicht.
Souverän schiebt die 55-jährige Tawni O’Dell diese Geschichten ineinander und macht daraus einen intelligent geplotteten, wendungsreichen Whodunit. Sechs Romane hat die Autorin bereits veröffentlicht, ihr Debüt wurde voriges Jahr verfilmt. Nun ist sie dank des kleinen Hamburger Argument-Verlags erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen.
Pointiert erzählt O’Dell von einem heruntergewirtschafteten Landstrich und dessen Bewohnern, die versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen. Einige haben sich auch längst aufgegeben. In dieser Gegend und in diesen Milieus spielen alle Romane O’Dells. Denn dort im Kohlerevier des südwestlichen Pennsylvania kennt sich die gelernte Journalistin aus. Sie stammt von dort und lebt nach einigen Jahren nahe Chicago auch heute wieder in jener von der Kohleindustrie geprägten Region, in der 2016 viele für Donald Trump gestimmt hatten. Ihr Kriminalroman lebt dabei weniger von Landschaftsbeschreibungen, als vielmehr von seinen Figuren, die Tawni O’Dell lebendig, widersprüchlich und mit viel Menschenkenntnis zeichnet, allen voran ihre meinungsstarke und schlagfertige Protagonistin.
In O’Dells verwickelter und trotz ihres leichten, geschmeidigen Tons ziemlich heftigen Geschichte schildert sie jede Menge Alltag, in dem es auf allen Ebenen um schwierige Beziehungen geht. Die Familie als eingeschworene Gemeinschaft macht sie dabei als jenen Ort aus, an dem die meisten Tragödien und widersinnigen Zwänge zuhause sind. Sie erzählt von Schuldgefühlen, desaströsen Fehlentscheidungen und fein nuancierten Machtverhältnissen, die ihre lebenskluge und pragmatische Protagonistin mit kantigem Humor auf Distanz zu halten versucht. Sie weiß ja aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Dove Carnahan ist eine Protagonistin, die man nur zu gerne wiedertrifft. Zum Glück schreibt Tawni O’Dell gerade an einer Fortsetzung.

Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen. Aus dem Englischen von Daisy Dunkel. Argument-Verlag, 352 Seiten, 21 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2.

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