Sonja M. Schultz: Hundesohn

Erst steht sein geliebter Alpha Romeo in Flammen, dann macht jemand seine Bude unbewohnbar, zertrümmert die Möbel, ritzt „Bastard“ ins Sofa. „Da wühlte einer in seinem Leben“, heißt es in Sonja M. Schultz‚ klasse Debüt Hundesohn, einem Roman der im Hamburg des Jahres 1989 spielt. Herbert Hawk heißt der, dem erst das Auto, dann die Wohnung und fast noch das Leben abhanden kommt.

Als Jugendlicher ist er vor seinem gewalttätigen Vater nach Hamburg geflohen. Der hatte ihn in einen Hundezwinger gesperrt, wenn er nicht parierte. Hawk kommt in einer Seemannsmission unter, arbeitet im Hafen. In den 1960ern ist das. Er lernt boxen und gerät ins Kielwasser eines Dealers und Zuhälters. Später steigt er bei einer Rockerbande ein, die das kriminelle Geschäft rund um die Schlachthöfe kontrolliert. Er unternimmt Kurierfahrten. Das geht lange gut, bis er einen tödlichen Unfall verursacht und ins Gefängnis muss. Jetzt ist er wieder draußen – und irgendjemand ist hinter ihm her. Er hat nur beim besten Willen keine Ahnung wer das sein könnte, nur so viel: „Man zündete ihm nicht das Leben an.“

Zupackend erzählt Sonja M. Schultz, die über den „Nationalsozialismus im Film“ promovierte und als Spoken-Word-Performerin auftritt, diese schön verschachtelte Geschichte um einen Typ, der sein Leben lang noch keinen Fuß auf den Boden bekommen hat. Nach und nach drängen in Hawk Erinnerungen hoch, die er gut vergraben glaubte, die er aber nun braucht, um in seinem an Fehltritten und fragwürdigen Entscheidungen keineswegs armen Leben nach etwas zu suchen, das ihn bis in die Gegenwart verfolgt. Der Schlag kommt schließlich aus einer Richtung, die er völlig ausgeblendet hatte. Schultz erzählt von über Generationen verteilten, familiären Tragödien, seelischen Verwundungen, die immer wieder aufs neue eine verquere Sicht auf die Welt erzeugen. Sie arbeitet mit einprägsamen Bildern, greller Action, markanten Charakteren (Hakenkreuz-Eddy, Pik-Johnny, Zweimeter-Inge) und einem Milieu, das nicht ohne seine Klischees auskommt. Stark aber ist sie vor allem in den leisen Passagen, ganz nah an ihrer Figur, die grob und unbeholfen, naiv und egozentrisch, gebrochen und in Stücken wieder zusammengesetzt ist.

Sonja M. Schultz: Hundesohn. Roman. Kampa-Verlag, Zürich 2019. 317 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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