Lisa McInerney: Blutwunder

Ryan Cusack sitzt zwischen allen Stühlen. Da ist es zwar maximal ungemütlich, doch führt jeder Schritt, etwas an seiner Situation zu ändern, nur in die nächste Katastrophe. Eine dankbare Figur hat sich die irische Autorin Lisa McInerney da ausgedacht. Glücklicherweise spinnt sie nach ihrem grandiosen Debüt „Glorreiche Ketzereien“ den Faden um diesen etwas antriebslosen und naiven Protagonisten mit seinem Faible für falsche Entscheidungen im zweiten Roman wendungsreich weiter.

Cusack ist 20, hat als Dealer bereits einen ordentlichen Kundenstamm, war einige Zeit im Knast und genehmigt sich gern selbst ein paar Pillen. Nun soll der italienisch-stämmige Cusack für seinen Boss einen Deal mit Lieferanten in Neapel einfädeln. Allerdings geht die erste Lieferung mit 50.000 Pillen hochwertigem Ecstasy verloren, was die Geschäftsbeziehung zur liefernden Camorra etwas eintrübt und Misstrauen in den Reihen der Kriminellen sät. Platzhirsch unter den Gangstern im irischen Cork ist jedoch Jimmy Phelan – „der erfolgreichste unter allen Irrtümern der Stadt“ – und der sieht es gar nicht gern, wenn da jemand versucht, den Drogenmarkt aufzumischen, ohne ihn zu beteiligen. Da ist es ganz hilfreich, dass Ryan ihm noch einen Gefallen schuldet. Ryan hat aber noch ganz andere Probleme. Seine langjährige Freundin Karine hat ihm dem Laufpass gegeben, weil er einfach nichts auf die Reihe bekommt. Er bandelt umgehend mit einer Frau an, auf die unglücklicherweise auch sein Boss ein Auge geworfen hat.

Eine wunderbare Ausgangslage also, die Lisa McInerney gekonnt ausspielt. Dieser Cusack gerät von einer Zwickmühle in die nächste, häuft Probleme an, die sich gegenseitig aufschaukeln. Er ist dabei Spielball krimineller Kontrahenten, verschärft die Lage aber auch stetig durch eigenes gedankenloses Zutun. Seine Zweifel und Bedenken, dazu vage Erklärungsversuche, wie sein Leben derart aus dem Ruder laufen konnte, notiert er in Briefen an seine tote Mutter. McInerney erzählt das alles zupackend, lebensklug und mit viel Sinn für herrlich absurde Volten, die sich zu einer kompakten, bitterbösen Geschichte über einen Kleinkriminellen fügen, der gerne aussteigen würde, stattdessen aber immer tiefer in den Strudel gerät. Das könnte sich zu einer famosen, irischen Gangstersaga auswachsen.

Lisa McInerney: Blutwunder (The Blood Miracles, 2017). Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Liebeskind-Verlag, München 2019. 333 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen in www.culturmag.de

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