Heinrich Steinfest: Gebrauchsanleitung fürs Scheitern

Jede/r kennt es, nicht alle reden gern darüber: das Scheitern. Dabei ist es für gute Geschichten, für gute Kriminalgeschichten allemal, unabdingbar. Wenn alles nach Plan läuft, mag das im Leben zwar beruhigend (wenngleich selten) sein, erzählt ist das aber meist ziemlich langweilig. Denn im Scheitern, schreibt der Stuttgarter Autor Heinrich Steinfest in seiner so klugen wie unterhaltsamen Gebrauchsanweisung fürs Scheitern, stecke doch eine ungeheure Komik, „eine befreiende Kraft des Negativen, des Fragilen und Verbesserungswürdigen“. Und so spürt er ihm elegant und pointiert nach, dem Scheitern der Hoffnung, der Wahrheit, dem Scheitern in der Liebe, der Religion, der Kunst („Porträt des Künstlers als ein Häufchen Elend“), der Architektur, der Literatur, im Sport.

Steinfest hat einen weiten Blick, findet in den unterschiedlichsten Lebensbereichen Gelegenheit, dem Scheitern philosophisch zu Leibe zu rücken. „Gott anders als einen Gescheiterten zu definieren wäre eigentlich Blasphemie. Es wäre, als würden wir ihm einen teuflischen Ehrgeiz andichten“, sinniert er im Kapitel „Ist Scheitern göttlich?“. Dann zoomt er sich ins Alltägliche, dem anspruchsvollen Kochen mit einer Herdplatte etwa, wohl wissend, dass nichts so schön ist, wie anderen beim Scheitern zuzusehen. Dafür gräbt er Anekdoten aus, die sich gelegentlich lesen, wie das Kondensat eines Steinfest’schen Romans.

Nirgends, konstatiert der Autor im Architekturkapitel, „geht so viel Geld in Umlauf wie dort, wo ein Scheitern stattfindet“. Ganz klar, hier geht es um den Flughafen und den Bahnhof. All die Diskussionen für und wider des neuen „quer zur Topographie der Stadt liegenden“ Stuttgarter Bahnhofs etwa seien wohl nicht mehr „als ein barocker Rahmen, eine verschnörkelte Erregung, eine opulente Ornamentik“. Denn das im Rahmen befindliche Bild sei keineswegs ein Bahnhof, sondern ein schnödes Grundstücksgeschäft. Durch die Verlegung des Gleisvorfelds in den Untergrund wird Platz frei für ein neues Viertel. „Was bleibt, ist, dass eine Eisenbahn, die allen gehört, einer Stadt, die allen gehört, eine Menge Grundstücke verkauft hat.“

Alltag ist das Scheitern im Sport, ein Feld, das Ilija Trojanow mit „Meine Olympiade“ bereits aufs Schönste abgegrast hat. Unschlagbar aber ist Steinfests Anekdote, wie er 30-jährig in einem chinesischen Dorf versucht haben soll, einen Mr Ku im Tischtennis zu besiegen, was ihm partout nicht gelingen wollte. Wochenlang trat er zusammen mit anderen Reisenden gegen diesen Mr Ku an, einem Ladenbesitzer, der sich so ein paar Groschen dazu verdiente. „Wir fühlten uns alle als Verfluchte“, schreibt Steinfest. „Aber ebenso als Auserwählte. Wir wollten ja etwas lernen.“ Das Scheitern als Chance begreifen, als skurrile Lektion der Realität, des Miteinanders, als etwas, das eingepreist ist im Leben oder wie Steinfest es zugepitzt formuliert: „Der Mensch ist Scheitern.“

Heinrich Steinfest: Gebrauchsanleitung fürs Scheitern. Piper-Verlag, München 2019. 240 Seiten, 15 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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