Jonathan Robijn: Kongo Blues

Er ist sich selbst fremd, der Protagonist in Jonathan Robijns Roman „Kongo Blues“. In seinen Träumen ist da ein afrikanisches Dorf, eine Sandpiste, sind da Menschen, die er nicht kennt. Aufgewachsen ist der dunkelhäutige Morgan bei einem weißen Ehepaar in Brüssel. Den Kontakt zu ihnen hat er abgebrochen, in Brüssel aber ist er geblieben. Inzwischen ist er 33 Jahre alt und schlägt sich mit gelegentlichen Auftritten als Jazzpianist durchs Leben.
Von einem solchen kommt er am Neujahrsmorgen 1988 zurück, als er an eine Hauswand gekauert eine junge Frau im eleganten Abendkleid findet. Er nimmt sie mit zu sich. Am nächsten Morgen verschwindet sie, steht aber einige Tage später mit zwei Koffern vor seiner Tür. Ob sie ein paar Tage bei ihm wohnen könne, fragt sie. Daraus werden mehrere Wochen, in denen Morgan nicht schlau wird aus der jungen Frau, die Simona heißt, viel von ihm wissen will und kaum etwas von sich erzählt. Sie nimmt ihn mit in schicke Restaurants, kauft ihm elegante Kleidung und stellt ihn einem Mann namens Walter vor, der eine Bar betreibt und ihn für ein paar Konzerte engagiert. Dann reist Simona ab. Er sieht sie erst Wochen später zufällig wieder, spricht sie allerdings nicht an. Es dauert, bis er sich ein Herz gefasst hat. Da ist sie allerdings aus dem Hotel, in das er sie hat gehen sehen, längst wieder ausgezogen. Morgan geht zu Walters Kneipe, doch das Lokal steht leer. Die Polizei zieht bei ihm Erkundigungen nach den beiden ein.
Es ist ein leiser, in sachte Melancholie getränkter Roman mit einem großen Hallraum, den der Belgier Jonathan Robijn da geschrieben hat. Der 1970 geborene Autor war einige Jahre für „Ärzte ohne Grenzen“ unter anderem in Afrika unterwegs, bevor er mehrere Romane und Kurzgeschichten veröffentlichte; „Kongo Blues“ ist sein erster Roman in deutscher Übersetzung. Behutsam erzählt er von den Folgen aus Belgiens unrühmlicher Kolonialgeschichte, die 1865 begann, als der belgische König Leopold II. den Kongo erwarb und systematisch ausbeutete. 1908 musste er das Gebiet an den Staat Belgien abtreten. 1960 wurde der Kongo unabhängig.
„Wir konnten tun und lassen, was wir wollten. Über uns wachte nur der Herr, und der hielt den Mund“, sagt im Roman ein Belgier, der in den 1950er Jahren im Kongo war. Dort hatte er mit der Vermittlung von Kindern zu tun, die weiße Belgier mit schwarzen Frauen zeugten. Diese Kinder wurden den Müttern oft weggenommen und in katholische Waisenhäuser vor Ort gebracht. Den Müttern traute man nicht zu, Kinder großzuziehen, die zur Hälfte europäischer Abstammung waren, sagte Robijn in einem Interview. Kurz vor der Unabhängigkeit des Kongos schickte man viele dieser Kinder nach Belgien, steckte sie in Heime oder gab sie zur Adoption frei. Robijns Protagonist Morgan ist ein solches Kind. Eine öffentliche Diskussion über das Thema gab es in Belgien übrigens erstmals im Jahr 2017, als auch Robijns Roman im Original erschien.
Darin reißt die rätselhafte Simona Morgan aus seinem eintönigen Leben. Als sie verschwindet, sucht er nach ihren Verwandten, will mehr über sie erfahren und bekommt Antworten auf Fragen, die er gar nicht gestellt hat. Wohl auch, weil er ahnte, dass die Wahrheit womöglich unangenehmer war als die halbgaren Erklärungen seiner Adoptiveltern. In seinem kongolesischen Heimatdorf, so hatten sie behauptet, seien alle außer ihm einer Epidemie zum Opfer gefallen.
Einem ruhigen, sacht perlenden Jazzsong gleich mäandert diese Geschichte in engen Windungen vorwärts. Denn Robijn fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern deutet an, macht das große Ganze mit ein paar Details erahnbar, erschließt es über seine Figuren und deren Familiengeschichten ohne es breitzutreten. Ganz nebenbei streift er andere Themen: die blutige Ausbeutung von Kongos Bodenschätzen und wie gut sich das koloniale Denken in der belgischen Gesellschaft des Jahres 1988 doch gehalten hat. Das ist klug und spannend erzählt und bis zum Schluss immer wieder überraschend.

Jonathan Robijn: Kongo Blues. Aus dem Niederländischen von Jan-Frederik Bandel. Nautilus-Verlag, 176 Seiten, 16,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

(c) Coverfoto: Maja_Bechert

Erschienen bei SWR 2

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