Vincent Almendros: Ins Schwarze

Abgründe allerorten lauern in Vincent Almendros Erzählung „Ins Schwarze“. Laurent Malèvre kommt mit seiner Freundin für ein Wochenende in sein Heimatdorf zurück, weil seine Cousine heiratet. Das Dorf ist „ein elendes Kaff“, das der Ich-Erzähler lange Jahre zu vergessen versuchte. „Bisher war ich ein Mann ohne Geschichte gewesen“, sagt er. Doch Erinnerung lassen sich nunmal nicht abschütteln.
Laurent und seine Freundin übernachten im ehemaligen Elternhaus. Sein Vater ist tot, seine Mutter lebt mit seinem Onkel zusammen. Dessen Frau kam bei einem Unfall ums Leben. Laurent begegnet seiner Mutter distanziert, schließlich hat sie ihn mit Chlorreiniger vergiftet, als er 8 Jahre alt war. Ein Versehen behauptete sie. Er wuchs bei den Großeltern auf. Seine Cousine hingegen, die nicht wegkam, ist auch nach Jahren fest überzeugt, dass seine Mutter die ihre ermordet hat.
Es liegt eine Spannung auf allen Beziehungen, kein Wunder, wenn die eigene Mutter einen um die Ecke zu bringen versucht. Überall lauert Unausgesprochenes, Vermutetes, angereichert mit Gerüchten. Und der Erzähler ist auch nicht die Zuverlässigkeit in Person. Angereist ist er mit einer Frau namens Claire, die er als seine schwangere Freundin Constance ausgibt. Claire hat eingewilligt, die Rolle zu spielen, doch nach und nach kommt ihr das alles seltsam vor.
Gerade mal schlanke 116 Seiten braucht der 1978 geborene Almendros für dieses intelligent und leicht erzählte Konzentrat. Eine rabenschwarze Familiengeschichte, die von Andeutungen und Uneindeutigkeiten lebt. Und die wiederum versehen die heißen Sommertage in der Provinz mit einer trägen, klebrigen, unterschwellig gewalttätigen Atmosphäre, in der Almendros Protagonist permanent der eigenen Vergangenheit begegnet, alten, mit Misstrauen gesättigten Geschichten. Und er zweifelt zunehmend auch an sich selbst, begreift, dass das unberechenbare Wesen seiner Mutter wohl auch in ihm haust.

Vincent Almendros: Ins Schwarze. Original: Faire mouche. Paris, 2018. Aus dem Französischen von Till Bardoux. 118 Seiten, Wagenbach-Verlag, 16 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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