Friedrich Ani: All die unbewohnten Zimmer

Wer noch nie einen Roman von Friedrich Ani gelesen hat, mag die Ansammlung eigenwilliger Gestalten in „All die unbewohnten Zimmer“ etwas befremdlich finden. Für alle anderen sind es alte Bekannte, die sich da, bisher jeder in seinem Romanuniversum, durchs Leben kämpfen. Friedrich Ani spendiert ihnen hier eine weit verzweigte Geschichte, in der sie sich erstmals ganz unspektakulär begegnen.
Da ist der gewesene Benediktiner-Mönch Polonius Fischer, der nach neun Jahren im Kloster die Kutte abgelegt hat und in den Polizeidienst gewechselt ist. Ani widmete ihm zwischen 2006 und 2009 drei Romane. „Die zwölf Apostel“ wird seine Abteilung genannt, weil er mit seinen 11 Kolleg/innen gemeinsam Mittag isst, während eine/r etwas vorliest, nicht unbedingt aus der Bibel, es können auch Friederike Mayröckers Überlegungen zum Leben zu zweit sein. Der hochsensible Kommissar Jakob Franck (bisher Protagonist in zwei Romanen) überbringt, wenngleich pensioniert, noch immer Todesnachrichten an Angehörige, ein Dienst, um den sich keiner reißt. Der schweigsame Tabor Süden, der Vermisste findet, „ihnen ihren Schatten zurück bringt“, war erst bei der Polizei, arbeitete später für eine Detektei und fiel dabei immer mehr aus dem Leben. 21 Süden-Romane hat Ani bisher geschrieben. Und dann ist da noch die Ich-Erzählerin Fariza Nasri, Polizistin mit syrischen Wurzeln, die strafversetzt acht Jahre lang auf dem Land Dienst in Uniform leisten musste. Polonius Fischer holte sie zurück nach München.
Nun schickt Ani seine Figuren keineswegs als grandioses Quartett, als die Glorreichen Vier los. Vielmehr wirkt dieser Roman zunächst so, als setze er sich aus dreien zusammen. Für jeden seiner Ermittler entwirft Ani ein ganz spezifisches Setting mit jeweils eigener Dynamik, eigenem Ton. Doch alle sind sie in einem ziemlich grauen München unterwegs, treffen auf jene, die gescheitert, gestrandet sind, resigniert, sich eingerichtet haben in tristen Lebensumständen, ihrem Selbstmitleid oder ihrer Wut.
Fariza Nasri und das Team um Polonius Fischer vom Kommissariat 111 suchen nach einem Mann, der am helllichten Tag eine Frau erschossen und einen Polizisten schwer verletzt hat. Obwohl sie den Namen des Schützen kennen, dauert es, ihn ausfindig zu machen, einen Einsamen, Verzweifelten, der Angst hat, von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden. Das 112er ermittelt währenddessen in einem Mordfall. Ein Polizist wurde in einer Sackgasse mit einem Pflasterstein erschlagen. Er war mit einem Kollegen am Rande einer rechten Demo unterwegs, als er zwei Kindern nachrannte, die einen Apfel geklaut hatten. Diese beiden Kinder, die mit ihrem Vater aus Syrien flohen, spielen eine zentrale Rolle.
Jakob Franck überbringt dem Vater des erschlagenen Polizisten die Todesnachricht und beißt sich an dem von Wut zerfressenen Reichsbürger fast die Zähne aus. Die Mordermittlungen treten auf der Stelle, so dass der Polizeipräsident sie schließlich an das Team von Polonius Fischer weitergibt. Und Tabor Süden sucht nach einem abgehalfterten Alleinunterhalter. Als Süden dem Verschwundenen schließlich auf die Spur kommt, stolpert der gerade ins Kommissariat und sagt, er sei’s gewesen, er habe den Polizisten erschlagen. Die Polizei hat Zweifel.
Ani lässt sich Zeit, diese Geschichten miteinander zu verschränken, führt die lange allenfalls lose miteinander verbundenen Erzählstränge tatsächlich erst im letzten Drittel zusammen. Und dabei entsteht eine dichte Erzählung, in der Ani behutsam individuelle wie gesellschaftliche Untiefen auslotet und dabei eine ganze Menge aktueller und relevanter Themen streift. Da geht es um die Ausbreitung rechter Gesinnung, um Machtstrukturen in Behörden, aber eben auch um tragische Schicksale, traurige Zufälle. Seine Figuren ringen mit sich selbst, mit falschen Entscheidungen, mit Mutmaßungen und einem Strudel dunkler Gedanken. Und wenn sie versuchen, sich daraus zu befreien, wird alles meist nur noch schlimmer. Ani bringt die Zwischentöne zum Klingen, fängt Schweigen und Schwermut ein, wie kein Zweiter, zumal er dabei auch Humor aufblitzen lässt. Er durchkämmt mit seinen vom Leben beschädigten Figuren immer wieder aufs Neue und immer wieder überraschend ein Stück Gegenwart und tiefschwarzen Alltag. Ein bisschen Zuwendung ist in diesem Universum schon so etwas wie Glück.

Friedrich Ani: All die unbewohnten Zimmer. Roman. Berlin, 2019. Suhrkamp-Verlag, 495 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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