Kanae Minato: Schuldig

Schuldig von Kanae Minato

Ein tödlicher Unfall und vier junge Männer, die versuchen, ihn zu vergessen – das ist die Ausgangslage in Kanae Minatos aktuellem Roman „Schuldig“. Drei Jahre zuvor hatten vier Studenten ein Wochenende auf einer Berghütte verbracht. Ein fünfter wollte nachkommen und am Abend vom Bahnhof abgeholt werden. Alle mit Führerschein hatten schon gebechert, dennoch fuhr einer los und verunglückte. Das zu verarbeiten und zu verdrängen, damit hatten die Übrigen seither zu tun. Und es war ihnen auch ganz gut gelungen, bis sie alle in anonymen Briefen als Mörder bezeichnet werden. Die Männer treffen sich, trauen sich dabei gegenseitig nicht über den Weg. Der Außenseiter der Gruppe macht sich schließlich auf, um mit Verwandten und ehemaligen Freunden des Verunglückten zu reden, um so vielleicht dem Verfasser der Briefe auf die Spur zu kommen.
Die 1973 geborene Kanae Minato, die zuletzt mit ihrem fein komponierten Debüt „Geständnisse“ überzeugte, erzählt diese Geschichte, die 2017 in Japan auch als zehnteilige Serie im Fernsehen lief, in kühlem, fast dokumentarischen Stil, klinkt die Geschehnisse von damals als Rückblenden ein. Der Außenseiter der Gruppe hat es beruflich nicht allzu weit gebracht, rangiert sozial unter seinen ehemaligen Kommilitonen. Und im Büro scheint es, als schätzten sie an ihm vor allem sein Wissen um guten Kaffee. Überhaupt spielt Essen und Trinken eine wichtige Rolle. Haarklein erzählt Minato, was die Studenten auf ihrer Fahrt in welcher Reihenfolge zu sich nehmen. Immerhin erfährt man nebenbei, dass der Kaffeehype auch um Japan keinen Bogen macht. Dazwischen freilich steckt eine Geschichte, die vom Umgang mit Schuld und Zweifeln erzählt. Die beruflich Erfolgreichen scheuen sich nicht, die anderen zu verdächtigen, der zurückhaltende Protagonist hingegen fühlt sich im Grunde unschuldig (er hatte den Verunglückten weder gedrängt, Bier zu trinken, noch ins Auto zu steigen), doch so ganz sicher ist er sich nicht.
Gerade diese Zweifel nutzt die Autorin für ein paar falsche Fährten. Das sorgt immer wieder für etwas Spannung, auch wenn die Geschichte längst nicht den Zug des Vorgängerromans hat und gelegentlich im Klein-klein zu versanden droht. Minato erzählt subtil und leise, diesmal nicht von einem Verbrechen, sondern vielmehr von gesellschaftlichen Konventionen und Alltag im modernen Japan, von heftigem Leistungsdruck und Hierarchiedenken, von feiner zwischenmenschlicher Dynamik. Und weil Minato nunmal das Makabre schätzt, wartet sie am Ende mit einer ziemlich bösen Wendung auf.

Kanae Minato: Schuldig. Original: Reverse. Tokyo, 2017. Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. 318 Seiten, C. Bertelsmann, 18 Euro.

(c) Frank Rumpel

Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.