Jeong Yu-jeong: Der gute Sohn

Überall ist Blut. Und der 25-jährige Yu-jin, der da morgens in seinem Bett aufwacht, hat zunächst keine Ahnung, woher es stammt. Er folgt den blutigen Fußspuren bis in die Küche im Untergeschoss. Dort findet er seine Mutter mit durchschnittener Kehle. Doch ist der Ich-Erzähler in Jeong Yu-jeong Roman „Der gute Sohn“ ob des grausigen Funds nicht wirklich erschrocken, eher verwirrt, und versucht sich zunächst an halbseidenen Thesen: Einbrecher könnten sie umgebracht haben, womöglich war es sogar Selbstmord. Doch die Indizien, das muss er sich eingestehen, deuten allesamt auf einen Täter: ihn selbst. Allein: Er kann sich nicht daran erinnern, und auch ein Motiv für die Bluttat bekommt er nicht zu fassen. Ihm fehlt zudem die Zeit, lange darüber nachzudenken. Sein Adoptivbruder hat sich angekündigt. Die Mutter hatte diesen nachts zu erreichen versucht. Ihm fehlt auch die Zeit, lange darüber nachzudenken. Sein Adoptivbruder hat sich angekündigt. Die Mutter hatte diesen nachts zu erreichen versucht. Auch die Tante meldet sich, will wissen, was los ist. Also beschließt Yu-jin erstmal die Leiche zu verstecken und die Wohnung zu reinigen.     Ein realer Fall inspirierte die südkoreanische Autorin zu diesem Roman. Ein junger Mann hatte seine Eltern ermordet und schaffte es, die Tat einige Zeit zu vertuschen, indem er sich ganz normal verhielt. Jeong, die ihre eigene Mutter früh verlor, wollte wissen, was für ein Mensch zum Mord an der eigenen Mutter fähig ist. Sie beschäftigte sich intensiv mit dem Thema, um es schließlich in einem Roman zu verarbeiten. Allerdings sei es, sagte sie im Interview, alles andere als einfach gewesen, sich in einen solchen Menschen hineinzudenken, ihm eine eigene Stimme zu geben. Zwei Mal schrieb sie den Roman neu, tastete sich in jeder Version näher an ihn heran und war erst im dritten Anlauf mit dem Ergebnis zufrieden.

Es war weniger die Stimme, als der Blickwinkel des Protagonisten, der aus meiner Sicht in den ersten Versionen einfach nicht gestimmt hat. Für mich war klar: Wenn ich diesen Roman in der ersten Person schreiben wollte, würde ich mental in die Rolle eines Psychopathen schlüpfen, mir dessen Einstellungen, auch dessen Blick auf die Welt zu eigen machen müssen. Doch das gelang mir zunächst nicht richtig, weil ich ja ein normaler Mensch bin. Es war schwer für mich und dauerte lange. Wenn ich es nicht geschafft hätte, die Welt aus dem Blickwinkel eines Psychopathen zu sehen, hätte ich diesen Roman auch nicht schreiben können.

Jeong kommt ihrem Protagonisten  nahe, lässt ihn so unbedarft und verletzlich klingen, dass es zunächst schwer ist, das Monster in ihm zu sehen. Protagonist Yu-jin war in seiner Jugend ein guter Schüler und Leistungssportler. Doch musste er seine vielversprechende Schwimmerkarriere aufgeben, als die Anfälle kamen. Das war kurz nachdem sein Bruder und sein Vater bei einem Unfall am Meer ums Leben gekommen waren. Seine Tante, eine Psychiaterin, diagnostizierte bei ihm Epilepsie. Fortan musste er Medikamente nehmen, die ihn in Watte packten. Frei fühlte er sich nur, wenn er sie absetzte. Das hatte er einige Tage vor dem Mord an seiner Mutter getan. Von ihr war er stets abhängig. Sie kontrollierte ihn auf Schritt und Tritt, schrieb auch dem 25-jährigen Studenten noch vor, um 21 Uhr zuhause zu sein und auf keinen Fall Alkohol zu trinken. Selbst nach ihrem Tod sitzt ihm die Stimme der Mutter noch im Nacken. Unklar ist zunächst, wie viel dieser Yu-jin über sich selbst weiß, zumal er sich im Laufe des Romans als extrem unzuverlässiger Erzähler entpuppt, der im einen Moment ganz rational klingt und im nächsten sagt:

Ein normaler Mensch lügt angeblich im Durchschnitt 18 Mal pro Stunde. Aufgrund meiner Schwäche in Sachen Ehrlichkeit müsste ich über dem Durchschnitt liegen. Darum bin ich dabei auch so geschickt und kann jede beliebige Geschichte glaubhaft erzählen.

Mühsam klaubt Yu-jin nach dem Mord die Erinnerungssplitter zusammen, die sich da allmählich aus seinem Unterbewusstsein lösen. Dazu trägt auch ein Tagebuch seiner Mutter bei, das er in ihrem Zimmer findet. Darin dokumentierte sie über die Jahre penibel sein Verhalten. Zum ersten Mal liest Yu-jin dort, dass er gar nicht an Epilepsie leidet, die Pillen vielmehr dazu dienten, den Psychopathen in ihm in Schach zu halten.

Mein Körper wird ganz still. Mein Hinterkopf dröhnt nicht mehr. Atem und Herz beruhigen sich. der Klumpen in meinem Magen löst sich auf. Meine Sinne schärfen sich. Ich habe das Gefühl, die ganze Welt liegt mir zu Füßen. Alles ist nun möglich.

Die 1966 geborene Jeong Yu-jeong ist in Südkorea eine ziemlich bekannte, mit zwei renommierten Literaturpreisen ausgezeichnete  Autorin, die daheim bei Lesungen auch mal Fußballstadien füllt. Mit „Der gute Sohn“ gelang ihr der internationale Durchbruch, der Roman wurde in bisher 12 Sprachen übersetzt. Jeong lässt ihren Protagonisten im Präsens erzählen, schafft so Unmittelbarkeit. Dazwischen montiert sind Erinnerungen an zentrale Ereignisse und die Tagebucheinträge der Mutter. Dadurch gewinnt nicht nur Yu-jin an Tiefe, sondern auch die Figur der Mutter. Was zu Beginn noch nach Überbehütung aussieht, entpuppt sich bald als Überforderung, als verzweifeltes, familiäres Einhegen eines Wesens, das ihr im Grunde fremd ist. Einer wie du, sagt sie einmal, sollte nicht am Leben sein.
Harter Stoff also, den Jeong in ihrem Roman da minutiös und spannend entwickelt, indem sie Schicht um Schicht ihrer schillernden Hauptfigur freilegt, immer neue Facetten hinzufügt, sie immer deutlicher zutage treten lässt. Das Umfeld, in dem sich Yu-jin bewegt, ist eine gesichtlose, nur teilweise bewohnte Retortenstadt am Meer, ein Umfeld, das wie schon die Szenerie im Vorgängerroman „Sieben Jahre Nacht“ vage und schemenhaft bleibt, jedoch die Konzentration auf die Figuren fördert. Sie wolle, sagte Jeong in einem Interview, dass einen beim Lesen etwas aus unserem Unbewussten streift, etwas von unserer monströsen Seite. Das ist ihr in diesem komplexen und zupackend erzählten, in seiner Radikalität beklemmenden Roman hervorragend gelungen.

Jeong Yu-jeong: Der gute Sohn. Aus dem Koreanischen von Kyong Hae-Flügel. Unionsverlag, 317 Seiten, 19 Euro.

(c) Frank Rumpel

Veröffentlicht auf SWR 2

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