Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme

Alle nannten sie nur die Hexe, eine Frau, die allein in einer Hütte in den Zuckerrohrfeldern lebte. Ein paar Jungs finden ihre Leiche in einem Abwassergraben im fiktiven La Matosa, einem Kaff im Hinterland des mexikanischen Bundesstaates Veracruz. Sie hatte den Ruf samt den Aufgaben von ihrer Mutter übernommen. Zu ihr kamen die Leute, wenn sie kleine Hilfestellungen brauchten, einen Trank, einen Zauber. Und schließlich wurde ihre Hütte zum Treffpunkt von Männern, die Sex wollten. Doch eigentlich waren sie alle auf der Jagd nach jenem legendären Schatz, der anscheinend in ihrer Hütte lagerte.

Um diesen Mord an der Hexe kreist Fernanda Melchors großartiger Roman. In acht Kapiteln nähert sie sich aus ganz unterschiedlichen Richtungen, nimmt sich jeweils eine Figur vor, rückt nah an sie heran und gibt Einblick in deren meist wenig erbauliches Leben. Charaktere, die im einen Kapitel nur am Rand auftauchen, rücken im nächsten ins Zentrum. So macht Melchor ganz allmählich Verbindungen und Zusammenhänge sichtbar und weiß immer wieder zu überraschen.

Da ist etwa die junge Yesenia, die von ihrer Großmutter verachtet und misshandelt wird und die sich dennoch aus Pflichtgefühl um die alte Frau kümmert. Die vergöttert indes ihren kriminellen, drogenabhängigen Schwiegersohn und als er nicht mehr da ist, dessen Sohn. Yesenia vermutet, dass er etwas mit dem Mord an der Hexe zu tun hat. Der junge Mann zieht indes lieber zu seiner Mutter, die in der Stadt ein Bordell betreibt. Er haust in einer schäbigen Hütte im Hinterhof und ausgerechnet dort strandet auch die 13-jährige Norma. Sie ist aus ihrem Dorf geflohen, nachdem ihr Stiefvater sie geschwängert hat. Nun wohnt sie bei jenem aus der Welt gekippten Jugendlichen und in dessen Hütte erleidet sie auch eine Fehlgeburt, die sie um ein Haar das Leben kostet. Das bekommt selbst ihr Freund mit und beschließt, etwas zu unternehmen.

Es ist eine Erzählwalze, die die 1982 geborene, in Puebla lebende Autorin und Journalistin Melchor da auf knappem Raum los lässt, eine wütende Suade über die Umstände, ein atemloses, aber präzises und intensives Erzählen, das formal etwas an Marquez` „Der Herbst des Patriarchen“ angelehnt ist. Sie formt lange Satzgirlanden, in denen sie satt und wuchtig Leben einfängt. Für Absätze hat sie keine Zeit. Melchor zieht einen hinein in diese heftigen Geschichten, die da um ein Verbrechen kreisen und derweil tiefenscharf das Bild einer abgewrackten Gesellschaft zeichnen. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, in dem über individuelle Schicksale das ganze Elend von Armut, Korruption, Drogenabhängigkeit, festgefügten Rollenbildern, massiver Homophobie und Bigotterie, versagender staatlicher Institutionen und allgegenwärtiger Gewalt vor allem gegen Frauen zu sehen ist. Die Narcos sind präsent, tauchen aber nur am Rande auf. Die Polizei ist ein krimineller Haufen. Die Zukunft ist hier nicht wirklich ein Thema.

Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme. Original: Temporada de huracanes. Ciudad de México, 2017. Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar. Wagenbach-Verlag, 240 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Veröffentlicht auf www.culturmag.de

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