Tito Topin: Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter

Ein radikaler Gottesstaat mitten in Europa – in Frankreich haben die Kleriker übernommen, kontrollieren Politik und Polizei in Tito Topins Roman „Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter“. In einer nahen Zukunft hat der 86-Jährige seine im Original 2017 erschienene Geschichte angesiedelt. Der in Paris lebende Journalist Boris Prévert muss wegen eines kritischen Artikels, in dem er den Bischof der Pädophilie beschuldigt, aus der Stadt fliehen. Mit falschen Papieren und einem Pastorengewand macht er sich auf den Weg, zunächst zu seiner Jugendfreundin Soledad nach Avignon. Doch das Regime ist nachtragend, hat ihm einen Killer hinterher geschickt. Nach einem blutigen Zwischenfall fliehen er und Soledad nach Portugal. Doch bis sie, zusammen mit zwei weiteren Flüchtlingen, einem Bankräuber und einer schwangeren jungen Frau, dort ankommen, ist Portugal schon nicht mehr der sichere Hafen.

190 Seiten reichen dem in Casablanca geborenen, seit den 1960ern in Frankreich lebenden Schriftsteller, Drehbuchautor und Grafiker für diese bitterböse Dystopie. Er erklärt nicht viel, sondern wirft einen mitten hinein, versteht es, griffig und packend zu erzählen. Wer in diesem Frankreich bleibt, muss sich anpassen, wer kann, flieht nach Süden. Dabei reduziert sich die Zahl der Enklaven rapide. Denn in Topins Roman sind die großen monotheistischen Religionen und die sich daran orientierenden Sekten im Nahen Osten und den USA der Glaubenskriege überdrüssig und beschließen, dass doch nicht die jeweils andere Religion, sondern einzig die Ungläubigen ihre eigentlichen Gegner sind. Religion wird also vielerorts zur Pflicht, reaktionäres Denken zur Norm.

Topin spitzt das gnadenlos zu, geht hart mit den Klerikern ins Gericht, deren Macht sich rapide ausbreitet. In seiner durch die Fluchtbewegung vorangetriebenen Geschichte fängt er den zunehmenden Druck, die Enge, die vom einen Moment auf den anderen ganz konkret werdende Gefahr für Andersdenkende mit schnell geschnittenen Szenen und borstigem Witz gut ein und liefert damit einen bissigen Kommentar auf eine Zeit, in der religiöser Fanatismus vielerorts massiv an Einfluss gewinnt.

Tito Topin: Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter. Original: „L’exil des mécréants“, Paris, 2017. Aus dem Französischen von Katharina Grän. Distel-Verlag, 190 Seiten, 14,80 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen auf www.crimemag.de

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