Heinrich Steinfest: Der schlaflose Cheng

Als Serienfigur hatte der Autor Heinrich Steinfest seinen chinesischstämmigen Privatdetektiv Markus Cheng ursprünglich nicht konzipiert. Seinen ersten Auftritt hatte der im Jahr 2000 im Roman „Cheng“ und darin nahm Steinfest seine Detektivfigur förmlich auseinander, setzte ihr dermaßen zu, dass Cheng am Ende schwer lädiert, einarmig, taub, längst kein Ermittler mehr, erschossen wird. Oder auch nicht. Denn in der Folge bemühte der Autor ihn dann doch immer mal wieder, drei Mal bisher (Ein sturer Hund, Ein dickes Fell, Batmans Schönheit), zuletzt vor neun Jahren. Nun drängte der Detektiv offensichtlich erneut in eine Geschichte – eine angenehme Überraschung.

Die Tage beginnen früh für Markus Cheng, ist dem mittlerweile 55-Jährigen doch der ausgiebige Nachtschlaf abhanden gekommen. Die daraus resultierende, ihn durch die Tage begleitende, sachte Lethargie passt durchaus zu jenem stets elegant gekleideten, grübelnden Detektiv, der da nicht wirklich ermittelt, sondern eher seltsamen Zeichen und Hinweisen folgend einer Lösung entgegen treibt, wobei er längst nicht nur einen Fall bearbeitet, sondern mitunter „den poetischen Gehalt modernen Lebens“ festzuhalten versucht.

Dafür schickt der 1961 geborene, in Wien aufgewachsene, längst zum Stuttgarter gewordene Autor Heinrich Steinfest seinen Detektiv, der zwar wie ein Chinese aussieht, aber partout für keinen gehalten werden möchte, weil er doch „schlicht und ergreifend Österreicher ist“, nach London, Island und Schottland auf der Suche nach einem Mörder oder zumindest nach einem Stück jener Wahrheit, die einige Zusammenhänge erhellen könnte.

Ein berühmter Synchronsprecher eines noch berühmteren englischen Schauspielers wird beschuldigt, diesen in London ermordet zu haben. Peter Polnitz, so heißt der Synchronsprecher, beteuert seine Unschuld und seine Tochter kontaktiert den in Wien lebenden Detektiv Cheng, Beweise für diese Unschuld aufzuspüren. Genau das freilich gestaltet sich schwierig, stößt Cheng doch zunächst auf ein unappetitliches Geheimnis in Polnitz‘ Vergangenheit. Wenngleich der die Tat in London nicht begangen haben will, ist da doch diese alte Schuld, die auch ein solides Motiv abgeben würde. Womöglich hatte da jemand den Schauspieler ermordet, um Polnitz die Tat in die Schuhe zu schieben. Cheng verfolgt diese Spur und stößt tatsächlich auf eine Verbindung zu Polnitz‘ in jungen Jahren begangenen Verbrechen, zudem auf ehemalige Geheimagenten, die bereits während ihrer aktiven Zeit nicht zimperlich waren. Dass sie sich seit Jahren einem eigenwilligen Verständnis von Literatur hingeben, macht die Sache nicht einfacher.

Nun war Heinrich Steinfest noch nie der Mann für eine geradlinige Geschichte. Auch diese hier verzweigt sich rasch, driftet wortreich immer wieder ab und gibt dem Autor so Gelegenheit, sich en passant ein paar anderen Themen zu widmen, dem Glauben, dem Alkohol, der Wahrheit, der Kunst, der Literatur und überhaupt dem gelegentlich doch etwas wunderlichen Leben selbst. Da behauptet einer der ehemaligen Agenten, „gewisse Beschreibungen der Literatur würden nichts anderem dienen, als etwas Reales wiederzugeben, es aber ins Erfundene und Absurde oder gar Übersinnliche einzukleiden. Es zu tarnen“. So verschanzt sich einer der Agenten am Fuße des isländischen Gletschers Snaefellsjökull, in dessen Vulkankrater sich laut Jules Vernes der Einstieg in die Unterwelt befinden soll. Zudem macht ein Kochbuch für Pilze vom Planeten Yuggoth die Runde. Den Planeten hatte einst der US-amerikanische Autor phantastischer Geschichten H.P. Lovecraft erfunden. Auch Cheng erinnert sich, viele Jahre seines Lebens das ungute Gefühl gehabt zu haben, womöglich gar nicht zu existieren, sondern vielmehr „vom Virus des Literarischen und Fiktionalen befallen zu sein“.

Auch sonst fährt Steinfest ein paar sehr schöne Ideen auf. Wer Cheng begegnet, sieht an dessen Seite seinen längst toten Hund Lauscher. Was die Leute da wahrnehmen, lässt er seinen Protagonisten mutmaßen, sei wohl „das Echo eines Hundes. Ein Nachhall. Ein umrissartiges Nachglühen.“ Cheng selbst kommt im Laufe der Ermittlungen die Erkenntnis, dass doch eigentlich seine Sekretärin die bessere Detektivin ist und er viel eher ins enge Vorzimmer der Detektei passt. Und so tauschen sie die Rollen. Daneben suchen Steinfests Metaphern auch weiter ihresgleichen, wenn da etwa eine Frau an ihrem Glas Leitungswasser nippt, „als sauge sie Blut aus einem Singvogel. Aber zärtlich“.

Steinfest taucht auch diesmal tief in die Geschichte ein, lässt sie wild mäandern, gibt dem Irrwitz Raum und achtet dennoch streng darauf, dass sie ihm nicht entgleitet. Er erdet und verankert jede noch so absurde Wendung und führt seine üppige Geschichte mit feinem Humor in einem schlanken Plot zu einem sanft funkelnden Roman zusammen.

Heinrich Steinfest: Der schlaflose Cheng. Piper-Verlag, 312 Seiten, 16 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen auf www.crimemag.de

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