Park Hyoung-su: Nana im Morgengrauen

Mit dem Rotlichtmilieu haben sie alle zu tun, die Figuren in Park Hyoung-sus Roman „Nana im Morgengrauen“. Sie arbeiten an Bangkoks Nana Plaza und wohnen in der nahen Straße Sukhumvit Soi 16. Dorthin verschlägt es auch den schüchternen Koreaner Leo, weil er sich in die junge Prostituierte Ploy verguckt hat.

Es war nicht das schönste Gesicht, das Leo je gesehen hatte. Doch irgendetwas an diesem kurzen Treffen am Weihnachtsabend 1994 hatte Leo das Gefühl einer zwanghaften Dringlichkeit eingepflanzt. Und das wiederum war genau die Art und Weise, wie eine Kombination aus falschem Ort und falschem Zeitpunkt ineinandergriff, um das Leben eines Menschen zu zerstören.

Der 26-jährige Leo ist nach dem Studium auf Reisen, will nach Afrika, verweilt aber einen Moment zu lange in Bangkok. Er verfällt der hübschen Ploy und zieht zu ihr in ein schäbiges Zimmer, das sie sich mit drei anderen Prostituierten teilt. Leo, der meint, Ploy bereits in einem früheren Leben begegnet zu sein, finanziert den Frauen Whisky, Brathähnchen und Yaba, ein weit verbreitetes Methamphetamin. Aber er berührt Ploy kein einziges Mal. Er will nur in ihrer Nähe sein und nimmt hin, dass sie ihn meist ignoriert – wie er für fast alle im Raum eher eine Art lebender Geldautomat ist. Nach sechs Monaten kauft er mit seinen letzten Scheinen ein Flugticket nach Korea. Drei Jahre bleibt er in Korea, arbeitet bei einer Firma. Doch Ploy bekommt er nicht aus dem Kopf und als er einen Verkehrsunfall nur knapp überlebt, beschließt er, nochmals zu ihr nach Bangkok zu fahren. Dort treibt er durch die Tage, trinkt mit den Frauen, unterhält sich mit Leuten auf der Straße – und bleibt doch ein Fremder.

Die fremde Landschaft verspricht uns, sich nicht in unser Leben einzumischen, und als eine dünne Romantik im Fotoalbum zu bleiben, für das ärmliche reale Leben, in das wir zurückkehren müssen. Diese lose Abmachung ist wie eine rosarote Brille, durch die die eigentliche Farbe der Gegenstände wechselt, und degradiert alles zum Theater. Die einzig wahre Art zu reisen ist, nicht wieder in die Heimat zurückzukehren. Leo aber brachte das nicht fertig. Solange er sein ein Jahr gültiges Rückflugticket in der Gesäßtasche seiner Hose stecken hatte, blieb er nur ein Reisender und konnte zu guter Letzt kein Teil der Sukhumvit Soi 16 werden.

Deshalb reist er erneut ab, um Jahre später zu Ploys Beerdigung wiederzukommen. Diesmal belässt er es bei einem kurzen Besuch. Zu schmerzhaft wäre es, länger zu bleiben. Doch er kommt auch nicht los. Nachdem seine Ehe in Korea gescheitert ist, fährt er mit 40 Jahren ein viertes Mal nach Bangkok und merkt, dass er die Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen kann. Dem sensiblen Leo dabei zuzusehen, wie er da zwischen Bangkok und Seoul nach seinem Leben sucht, wäre reichlich trostlos, würde der 1972 geborene Autor das alles todernst nehmen. Doch Park pflegt einen dunklen Humor, macht aus dieser Liebesgeschichte eine sachte Groteske, die dem Drama, das sich da über die Jahre abspielt, etwas die Schwere nimmt. Er erzählt nah am Leben, derb und konkret, wenn es sein muss, und immer wieder mit ungewöhnlichen Bildern.

So nutzt Park, der an der Korea University in Seoul kreatives Schreiben lehrt, Elemente des magischen Realismus, um seine eigenwilligen Figuren zu charakterisieren, die mit ihren Geschichten mit das Zentrum seines Romans bilden. Unten im Haus etwa wohnt der Deutsche Uwe, der so dick ist, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Also sitzt er am Tisch, trinkt Whisky-Cola, stinkt wie ein, Zitat, „verwesender Elefantenkadaver“ und betätigt sich als eine Art Orakel der Soi 16. Ein Drogendealer fällt nach einem Überfall ins Wachkoma. Seine Kinder stecken ihn in einen Blumentopf, eine menschliche Pflanze, die Photosynthese betreibt, freitags aber ihren Topf verlässt und durch die Gassen des Viertels streunt. Dieses Viertel, ein dorfartiges, sich ständig veränderndes Gebilde mitten im Chaos der Stadt, spielt selbst eine Hauptrolle in Parks eindringlichem Roman.

Irgendwie glich die Straße einem riesigen Organismus, in dem in bestimmten Abständen eine Erneuerung des Zellmaterials vonstatten ging. Die von verstorbenen oder weggezogenen Bewohnern hinterlassenen Leerstellen wurden von Menschen mit mehr oder weniger ähnlicher Vergangenheit und hoffnungslosem Gesichtsausdruck eingenommen. Alte Gassen, die ihre eigentliche Funktion verloren hatten, wurden zu stinkenden Müllkippen. Doch auch die neuen Gassen, so schien es, entstanden nur, um in rasendem Tempo zu alten Gassen zu werden.

Zufall oder Schicksal? Das ist die Frage, mit der sich Parks Protagonist fortwährend auseinandersetzt. Ist alles vorherbestimmt oder fügen sich Entscheidungen und Begebenheiten einfach nur geschmeidig in einen träumerischen Rahmen? (Das Für und Wider bewusster Entscheidungen spielt Leo schon mal mit philosophischem Witz in Gedanken mit einem Gecko durch, den er nicht zertreten will und deshalb die Treppe hinunterstürzt.) Die Prostituierte Ploy (hingegen) ist Realistin, weiß, dass sie auf Träume nicht zu setzen braucht. Viele der Frauen hoffen auf einen reichen Ausländer, der sie finanziert. Manchen gelingt das, Glück aber hat keine.

Es ist eine Geschichte ewiger Kreisläufe, von denen Park hier erzählt. Das zeigt sich etwa in Leos mehrfacher Rückkehr nach Bangkok, aber auch in dessen Fähigkeit, Szenen früherer und zukünftiger Leben eines Gegenübers zu sehen. Leo bleibt allerdings erstaunlich blass. Er hat eher die Funktion eines Mediums, sowohl für den Autor, um sich dem intimen Milieu einigermaßen nachvollziehbar nähern zu können, aber auch für die Figuren selbst. Denn nur durch sie erfährt er, wie radikal sich die Verhältnisse in Bangkok alle paar Jahre ändern. Es ist ein flüchtig dahin rauschendes Leben, in das Leo vier Mal zurückkehrt und in dem er offensichtlich findet, was ihm in Korea fehlt. Auf den ersten Blick erwartet ihn nur Stillstand, Fatalismus und Elend – dahinter aber doch Freundschaft, Respekt und mit der Zeit auch Zugehörigkeit. Für einen, der sich permanent fremd fühlt, ist das schon eine ganze Menge.

Park Hyoung-su: Nana im Morgengrauen. Aus dem Koreanischen von Sun Young Yun und Philipp Haas. Septime-Verlag, 504 Seiten, 26 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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