Lucía Puenzo: Die man nicht sieht

Ihre Zeit in Buenos Aires ist vorbei. Das wissen die drei jungen Einbrecher Enana, Ismael, beide 16, und Ajo. Er ist gerade mal 6 Jahre alt. Dabei läuft es gut. Tagsüber hausen sie in einem alten Eisenbahnwaggon. Nachts steigen sie in Häuser ein, essen sich satt und nehmen gerade so viel Wertgegenstände mit, dass der Diebstahl erst spät oder gar nicht auffällt. Ajo ist klein, wendig und ein angstfreier Kletterer. Ihm reicht ein gekipptes Fenster im Obergeschoss. Ihre Aufträge bekommen sie von einem Security-Mann, der selbst für die Bewachung der Häuser zuständig ist. Er beschäftigt mehrere Diebesbanden, verkauft sie aber nach einiger Zeit stets an Kollegen im benachbarten Uruguay weiter. Dort soll das Trio ein paar Luxusvillen am Meer ausräumen und sich tagsüber in einem nahen Wald verstecken, in dem es von Wildhunden und giftigen Schlangen wimmelt. Und in den Villen am Meer treffen die auf der Straße groß gewordenen Kids auf die Welt der Superreichen, die ihren Besitz mit allen Mitteln zu schützen bereit sind.

Die argentinische Autorin und Regisseurin Lucía Puenzo (unter anderem hat sie „XXY“ und die zweite Staffel der mexikanischen Serie „Ingobernable“ gedreht) ist nah dran an den drei Jugendlichen, ist empathisch, ergreift aber nicht Partei. Die Kids sind in ihrem Metier ausgebuffte Profis, doch in vielen Belangen einfach auch kindlich naiv. Ihre Raubzüge genießen sie, denn „von allem, was sie kannten, war Adrenalin das, was Glücksgefühlen am nächsten kam“. Die 42-jährige Lucía Puenzo hat da einen klugen und packenden Roman geschrieben. Großartig, wie sie mit Leichtigkeit und Tempo, dabei tiefenscharf und mit eindrücklichen Bildern von ein paar Straßenkindern erzählt, die  versuchen, sich irgendwie über Wasser zu halten. Aber man ahnt schon, dass das alles nicht gut ausgeht. Denn die Drei sind unsichtbar, bei der Arbeit, wie im Leben. Niemand bemerkt und niemand vermisst sie.

Lucía Puenzo: Die man nicht sieht. Aus dem Spanischen von Anja Lutter. Wagenbach, 208 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.