Cloé Mehdi: Nicht ist verloren

„Schließ bloß nie jemand in dein Herz. Früher oder später lassen sie dich alle im Stich.“ Der 11-jährige Mattia ist gewappnet fürs Leben. Den Rat bekam er von seiner Mutter auf der Beerdigung seines Vaters. Der hatte sich in der Psychiatrie erhängt. Da war Mattia 5 und bekam einen Vormund, weil die Mutter es nicht mehr schaffte, sich um ihn zu kümmern. Sein Vormund Zé teilte sich einst mit Mattias Vater das Zimmer in der Psychiatrie, arbeitet als Nachtwächter in einem Supermarkt und sucht Zuflucht in den Gedichten Baudelaires. Seine Freundin versucht wiederholt, sich das Leben zu nehmen.

Rosige Aussichten also. Es ist ein karges Leben in der Banlieue und die aktuellen Umstände machen es nicht leichter und nicht heller. In der Gegend tauchen Graffiti auf, die „Gerechtigkeit für Said“ fordern. Said war ein Jugendlicher aus dem Viertel, der vor Jahren bei Protesten ums Leben kam. Ein Polizist soll ihn auf dem Gewissen haben, wurde aber freigesprochen. Mattias Vater hatte die Tat beobachtet, kam in die Psychiatrie, die Familie fiel auseinander. Und plötzlich ist alles wieder da. Mattias neue Familie wird von der Polizei bedrängt, das Sorgerecht steht auf der Kippe.

Und das alles lässt die 27-jährige Cloé Mehdi, die für diesen Roman in Frankreich gleich sieben Auszeichnungen bekam und für 8 weitere nominiert war, einen abgebrühten 11-Jährigen erzählen, der ziemlich durch den Wind ist, aber versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Mehdi bricht das trostlose Setting durch die altkluge Kinderperspektive etwas auf, düster bleibt diese konzentriert erzählte Geschichte dennoch. Detailreich fängt sie die Enge und Zwänge eines Lebens unter Beobachtung ein, ein Leben, auf das der Tod und die Psychiatrie stets einen Schatten werfen. Dabei sind die Wünsche von Mehdis Figuren durchaus überschaubar. In Ruhe gelassen werden, mit der Aussicht auf eine etwas bessere Zukunft. Ausgerechnet als das Jugendamt vorbei schaut, bekommt Mattia eine Idee davon, wie es auch sein könnte. Für zwei Stunden fallen er und seine Ersatzeltern spontan in eine Art Heile-Welt-Familien-Theater, von dem alle wissen, dass das grotesk und keineswegs alltagstauglich ist. Viel zu sehr hat da jeder mit sich selbst zu kämpfen.

Cloé Mehdi: Nicht ist verloren. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Polar-Verlag, 312 Seiten, 18 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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