Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin

Der Zorn der Einsiedlerin von Fred Vargas

Ein Biss der Einsiedlerspinne soll ein paar ältere Herren in Fred Vargas aktuellem Roman „Der Zorn der Einsiedlerin“ dahin gerafft haben. Allein: die Tierchen beißen selten und das Gift einer Spinne würde längst nicht reichen, um einen Menschen zu töten. Vargas eigenwilliger Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg nimmt sich der Sache an, ermittelt gegen den Widerstand einiger Kollegen und kommt schließlich einer kriminellen Bande auf die Spur, die in den 1940er  Jahren in einem Internat erst die Mitschüler terrorisierte und sich dann auf sexuellen Missbrauch verlegte.

Bis dahin freilich braucht es etwas Langmut. Gleich zu Beginn entlarven die Polizisten anhand von Indizien einen Verkehrsunfall als Mord. Ein ziemlich überflüssiges, seltsam isoliert stehendes und sogar für Vargas’sche Verhältnisse rätselhaftes Intro, denn erst danach beginnt die eigentliche Geschichte. Und auch die mäandert dahin, wechselt immer mal wieder unversehens die Richtung. Sinnbildlich steht dafür wohl der irrlichternde Adamsberg selbst, denn bei ihm „so hätte man sagen können, formten sich die Gedanken, noch bevor er an sie dachte“.

Doch auf geradem Weg hat Vargas noch nie erzählt, ihre Romane gleichen Wundertüten, bei denen man nie weiß, was da wie kombiniert heraus purzelt. Das kann schnell mal gewollt wirken, zumal dann, wenn sich die einzelnen Teile am Ende auf Biegen und Brechen ineinanderzufügen haben. Dabei ist ihr das schon öfter gut geglückt und auch hier fallen die einzelnen Teile (sieht man mal von den ersten Kapiteln ab) an ihren Platz, verbinden sich zu einer weitschweifigen, herrlich skurrilen Geschichte über menschliche Abgründe und Eigenheiten. So geht es nicht nur um Einsiedlerspinnen, sondern etwa auch um Einsiedlerinnen, Reklusen, gläubige Frauen, die sich im Mittelalter einmauern ließen und dafür verehrt wurden. Und Vargas erzählt von Männerbünden, von zementierten Machtverhältnissen, von massiver Gewalt gegen Frauen und am Ende von Rache. Das ist dann doch ein sehr konkreter und aktueller Kern, auf den Vargas bisweilen so märchenhaft wirkende Geschichte hinausläuft.

Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin (Quand sort la recluse, 2017). Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Limes-Verlag, München 2018. 509 Seiten, 23 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei Culturmag

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