Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type

Voriges Jahr veröffentlichte der kleine Pulpmaster-Verlag Tom Franklins wilde Western-Grosteske „Smonk“ und schiebt nun den großartigen Südstaatenroman „Krumme Type, krumme Type“ nach. Das Original haben derzeit auch etliche Schulbuchverlage im Programm, denn zumindest in Baden-Württemberg ist der Roman 2019 Abitursstoff.

Sie nennen ihn nur Scary Larry, dort in diesem fiktiven Städtchen im ländlichen Mississippi. Seit Kindertagen ist er ein unbeholfener Einzelgänger, damals von seinen Mitschülern drangsaliert und gehänselt, später als Jugendlicher eines Verbrechens beschuldigt, wird er ausgegrenzt und gemieden. Denn in den 1980ern verschwand im Ort ein Mädchen. Zuletzt gesehen wurde sie im Wagen des 16-jährigen Larry Ott. Er wurde damals aus Mangel an Beweisen frei gesprochen, doch der Verdacht blieb an ihm haften. Er ging zur Army, kehrte dann zurück ins elterliche Haus. Da war sein Vater bereits tot und seine Mutter im Pflegeheim. Seither betreibt er eine Autowerkstatt, die keine Kunden hat. 2007 verschwindet die 19-jährige Tochter der einflussreichen, örtlichen Sägewerksbesitzer. Erneut wird der inzwischen 41-jährige Larry verdächtigt und schließlich in seinem eigenen Haus angeschossen. An den Ermittlungen arbeitet der schwarze Constable Silas Jones mit, der Larry noch aus Kindertagen kennt. Fast hätten die beiden mal miteinander gespielt. Allerdings verbindet ihn noch weit mehr mit Larry, wie sich ganz allmählich herausstellt, als Silas beginnt, sich wider Willen mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Der 1963 geborene Tom Franklin erzählt diese von Nikolaus Stingl klasse übersetzte Südstaaten-Geschichte extrem feingliedrig, tiefenscharf und mit einem wunderbar verschachtelten Plot. Aus wechselnder Perspektive fächert er detailreich die Geschichten der beiden Protagonisten auf, die sich da nach 25 Jahren einander annähern. Larry hat sich in einer selbst gewählten Einsamkeit eingerichtet und hat gelernt, mit der Bosheit seiner Mitmenschen zu leben. Er genießt sogar die Illusion von Freundschaft, als sich ein anderer Sonderling namens Graham zu ihm gesellt. Und selbst für den Unbekannten, der ihn da mit einer Zombiemaske überm Kopf in die Brust schießt, hat er noch etwas übrig. Monster, denkt er schwer verletzt am Boden liegend, werden doch alle missverstanden. Silas dagegen weiß um die eigenen Fehler und will sich so gar nicht an dem allgemeinen Larry-Bashing beteiligen. Dafür steht er viel zu tief in dessen Schuld – auch wenn der nichts davon ahnt.

Die Orte, an denen Franklins Geschichte spielt, sind fiktiv, die Stimmung des ländlichen Mississippi fängt er dennoch sehr gut ein. Da geht es um die weit auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich, das nach wie vor schwierige Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen, um Vorurteile und handfeste Gewalt. Die unterschiedlichen Biotope, wie die White Trash Avenue oder die wirtschaftlich weitgehend abgehängte Gegend fängt er ganz unprätentiös ein. „Er kam an einem Bekleidungsgeschäft vorbei, das schon so lange keine Kunden mehr hatte, dass es kurzzeitig ein Geschäft für Vintage-Mode geworden war, ohne sein Sortiment zu ändern.“

Eindringlich und mit starken Bildern erzählt Franklin, der an der University of Mississippi unterrichtet und nach wie vor in der Region lebt, eine melancholische Geschichte um alte Schuld, die mit den Jahren keineswegs kleiner wird, um Verdächtigungen, die an einem kleben bleiben und die sich nach Belieben, immer und immer wieder instrumentalisieren lassen, um ganz alltäglichen Rassismus, der so festsitzt, dass er kaum noch als solcher wahrgenommen wird, um Willkür und Verrat. Große Themen also, die Franklin ganz geschmeidig, wie nebenbei unterbringt. Und er schafft es sogar, das Ganze zu einem so gar nicht aufgesetzten, guten Ende zu bringen. Grandios.

Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type. Roman. (Original: Crooked letter, Crooked letter. New York, 2010). Berlin, 2018. Pulp Master, 406 Seiten, 15,80 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei Crimemag.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.