Anne Goldmann: Das größere Verbrechen

Es dauert etwas, bis sich die Figuren in Anne Goldmanns viertem Roman herausschälen. Kurze Sequenzen sind es, in denen sich die Wiener Autorin ihren drei Protagonistinnen nähert. Da ist die schwer traumatisierte Frau Sudic, die im Bosnienkrieg gefangen gehalten, gefoltert und vergewaltigt wurde. Ihren Glauben an die Menschheit begrub sie vor Ort. Therese Rössler hat sich mit Mann und Tochter ein Leben eingerichtet. Doch mit einem Anruf brechen verdrängte Erinnerungen und seelische Verletzungen auf. Mit 17 wurde sie schwanger, ihre Eltern zwangen sie, das Kind zur Adoption frei zu geben. Und eben dieses Kind namens Jan drängt nun in ihre Familie und viel zu nah an ihre 15-jährige Tochter. Die selbstbewusste Ana schließlich putzt bei beiden, während sie versucht, an die Kunstakademie zu kommen und ihre Spur im Leben zu finden. Ein Mord an Jans Adoptivvater, ein seltsamer Unfall, in den Therese Rössler verwickelt ist, bringt alles ins Wanken, da Jan als Verdächtiger festgenommen wird.

Mit viel Finesse, Fingerspitzengefühl und vor allem Menschenkenntnis erzählt Goldmann diese Geschichte aus fein ineinander verschlungenen Erzählfäden, geht ganz nah ran, um die Beweggründe, aber auch die Zwänge, Zweifel, Unsicherheiten und Dilemmata zu beleuchten, in denen ihre Figuren feststecken. Und die haben nur allzuoft mit ihrem Frausein zu tun, mit Zuschreibungen und Rollenbildern, mit Gewalt ganz unterschiedlicher Art. Die alte Frau Sudic etwa mag nicht mehr berührt werden, ist aber gebrechlich und muss sich helfen lassen. Therese Rösslers Ehe ist kaputt. Ihr Mann betrügt sie, ihre pubertierende Tochter (wunderbar biestig gezeichnet) würde am liebsten alles kurz und klein schlagen und der verschollene Sohn versteht es prächtig, Therese‘ Schuldgefühle zu nutzen. Ana indes zeigt sich wehrhaft gegenüber den Zumutungen des Lebens, steht sich aber auch immer wieder selbst im Weg. Goldmann macht daraus eine verwinkelte, sich ganz allmählich zuspitzende Geschichte, in der sie ihren Figuren und deren Umfeld sehr genau auf den Zahn fühlt. Es ist oft Alltag, von dem sie erzählt, verdichteter Alltag freilich, in dem allenthalben sichtbar wird, wie fragil und überraschend so ein Leben doch ist.

Anne Goldmann: Das größere Verbrechen. Roman. Hamburg, 2018. Argument-Verlag, 15 Euro.

(C) Frank Rumpel

Erschienen bei crimemag.

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